DRÄHTE UND DOLLAR: WER FINANZIERT DIE LOBGESÄNGE DER KI-BLASE?
Neues aus dem Tal der goldenen Versprechen. Wer hierzulande noch glaubt, die Maschinen, die uns das Denken abnehmen sollen, würden aus eigener Kraft laufen — der hat die Bilanzen nicht gelesen. Die Bilanzen lesen sich wie ein Telegramm aus der Suppenküche: dürftig, eingerollt, kaum mehr als drei Zeilen.
Das Silicon Valley, einst der Tempel der kühnen Erfindung, ist zur Werkstatt der mittelmäßigen Geschäfte geworden. Buchhaltung mit künstlicher Intelligenz. Kundendienst, automatisiert. Hausverwaltung, digital verwaltet. Alles, was gestern noch langweilig war, soll heute mit der Lizenz der Maschine wieder junggewaschen werden. Die Margen? Dünn wie Lötzinnfäden. Die Fantasie? Unbegrenzt. Das Geld? Fremd.
Doch die eigentliche Geschichte liegt nicht in den Geschäftsberichten. Sie liegt in den Pressestellen. Sie liegt in den Förderern, die sich ihre Berichterstatter züchten wie Champignons im Keller.
Das Tarbell Center for AI Journalism, gegründet im Jahr 2022, ist eine gemeinnützige Organisation, deren Geschäft es ist, Journalisten zu finanzieren und auszubilden, die über künstliche Intelligenz schreiben. Fellows des Centers sitzen in den Redaktionen von Bloomberg, der Time, NBC News, dem Guardian und der Los Angeles Times. Sie schreiben über Anthropic, OpenAI, über die Sicherheit der Maschinen. Dafür bekommen sie zwischen 60.000 und 80.000 Dollar im Jahr. Wer fünf Jahre Erfahrung mitbringt, darf mit 90.000 bis 110.000 Dollar rechnen.
Das klingt nach großzügiger Förderung des gemeinen Wohls. Es ist auch das. Nur steckt das Geld in bestimmten Händen.
Das Tarbell Center erhält seine Mittel von vier Stiftungen, die allesamt einer Sache verpflichtet sind: der Sicherheit der künstlichen Intelligenz. Da ist Coefficient Giving, das dem Tarbell Center bislang 4,7 Millionen Dollar zugeschanzt hat. Da ist das Future of Life Institute. Da ist der Effective Altruism Infrastructure Fund. Da ist der Survival and Flourishing Fund. Alle vier eint die Überzeugung, dass die Maschinen, wenn überhaupt, nur unter strenger Aufsicht laufen dürfen.
Doch nun zu den Eigentumsverhältnissen. Hinter Coefficient Giving steht Dustin Moskovitz, Mitgründer von Facebook und — man ahnt es — Investor bei Anthropic. Man verweile einen Moment bei diesem Satz. Der Mann, der eine Firma mitfinanziert, die eine KI namens Claude baut, gibt Geld einer Stiftung, die einer Non-Profit-Organisation Geld gibt, die Journalisten bezahlt, die wiederum über ebendiese Firma schreiben. Der Kreis schließt sich wie eine alte Rückkopplung.
Die Vorsehung des Tarbell Centers versichert, die Fellows genossen volle redaktionelle Unabhängigkeit. „All our fellows maintain strict editorial independence", sagt der Geschäftsführer Cillian Crosson. Man wähle die Leute aus, man bilde sie aus, man betone die Unabhängigkeit — aber man bestimme nicht die Schlussfolgerungen. Das klingt sauber. Es klingt auch nach jedem anderen Fördervertrag, den ich in meinem Berufsleben gesehen habe.
Die Probe aufs Exempel liefern die Artikel selbst. Harry Booth, Reporter bei der Time, schrieb ein Stück mit dem Titel „The War for AI". Darin beschrieb er Claude, das Vorzeigemodell von Anthropic, als „world-class model". Das Magazin versäumte es, den Leserinnen und Lesern mitzuteilen, dass Booth ein Tarbell Fellow ist — finanziert über eine Organisation, die wiederum von einem Investor in Anthropic gestützt wird.
NBC News geht ehrlicher vor. Das Haus fügte am Ende eines Stücks von Jared Perlo, der über das Future of Life Institute schrieb, eine redaktionelle Notiz an: „This reporter is a Tarbell Fellow, funded through the Tarbell Center for AI Journalism, a nonprofit devoted to supporting the news coverage of artificial intelligence. The Tarbell Center has received funding from the Future of Life Institute, which is a subject of this article." So sieht veröffentlichte Transparenz aus. Sie ist die Ausnahme.
Die Frage, die sich auf dem Draht stellt, ist nicht die nach der Bestechung. Sie ist die nach der Mechanik. Eine Branche, die ihre eigenen Lobredner bezahlt, muss sich nicht die Mühe machen, die Kritiker zu unterdrücken. Sie kauft sich das Wohlwollen im Voraus. Sie finanziert die Stimme, die den Gesang anstimmt. Und sie schiebt die unbequemen Fragen — die nach Margen, die nach Subventionen, die nach dem, was von dem ganzen Versprechen übrig bleibt, wenn die Blase platzt — an den Rand der Seiten.
Was bleibt, ist die übliche Konstellation. Die Margen der neuen Geschäftsmodelle sind dünn. Die Risiken sind breit gestreut. Die Profiteure sitzen in den Stiftungen, die sich ihre Berichterstatter halten, und in den Aufsichtsräten, die von Sicherheit sprechen, während sie das Kapital fließen lassen. Wenn die Luft aus der Blase entweicht, wird mancherorts zu lesen sein, dass die Maschinen „world-class" seien. Wer dann den Preis zahlt, weiß man erst hinterher.
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze weiter.