← Zurück zur Titelseite Technologie

Fortschritt ist eine Schnecke — wer zahlt den Preis

9. August 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Vierzig Jahre. Eine Zahl, die in der Halbleiterphysik seit Generationen wie ein Dogma gilt. Gordon Moore, Mitgründer des US-Chipherstellers Intel, formulierte seine These in einer Zeit, als ein einzelner Transistor noch als Wunder galt und ein brauchbarer Rechner ein ganzes Zimmer füllte. Die Regel war einfach — fast unverschämt simpel: Die Zahl der Bausteine auf einem Chip verdoppelt sich in regelmäßigen Abständen, die Kosten sinken, die Leistung steigt. Eine Handvoll Silizium wird zum Motor einer ganzen Zivilisation. Aus den groben integrierten Schaltungen der Siebziger wurden Mikrochips mit Milliarden von Transistoren, getaktet in Gigahertz, gefertigt in Strukturen von wenigen Nanometern. Moores Kurve stieg. Sie steigt noch immer, wenn auch flacher als einst.

Vierzig Jahre danach summen die Drähte in meinem Büro anders als damals. Nicht mehr Morse, nicht mehr die warmen, vakuumgepumpten Röhrenkolben der Funkgeräte, an denen ich mein Handwerk lernte. Heute sind es Glasfaser und Funk auf Frequenzen, die früher niemand kannte. Das Grundprinzip aber ist geblieben — Signal, Rauschen, Kontrolle. Und die Frage, die ich mir seit Jahren stelle, wird drängender, nicht leiser. Wenn die Rechenleistung sich verdoppelt, die Datenströme sich verdreifachen, die Speicherdichte explodiert — warum verdoppelt sich dann nicht auch der Nutzen für jene, die am Rand der Leitungen stehen?

Man sagt mir, ich solle den Fortschritt feiern. Moore hat seinen Satz nicht als Naturgesetz gemeint, sagen sie. Es war eine Beobachtung, zur Prophezeiung geworden. Und sie hat gehalten — bis zu dem Punkt, an dem die Physik selbst den Ingenieuren Grenzen setzt. Die Atomgröße ist erreicht. Die Quanteneffekte melden sich. Die Kurve biegt sich, sanft, aber sichtbar.

Doch das ist nicht die Geschichte, die erzählt wird. Erzählt wird die Geschichte vom unaufhaltsamen Aufbruch, von der Digitalisierung als Heilsversprechen, von der chancenöffnenden Kraft der vernetzten Welt. Digitalisierung, heißt es in Broschüren und Parteiprogrammen, sei kein Selbstzweck. Richtig eingesetzt, könne sie den Alltag einfacher machen, Chancen eröffnen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Man zählt sie auf in einem Atemzug: technologischer Fortschritt, wissenschaftlicher Fortschritt, künstliche Intelligenz, erneuerbare Energien, Innovation, Forschung, neue Technologien. Eine große Familie der Verheißung.

Schöne Worte. Worte, wie sie in Sonntagsreden fallen, in Pressemitteilungen von Verbänden, in den Programmen jener, die erneuerbare Energien, KI und Forschung in einem Satz nennen, als wäre das ein einziges Projekt. Es klingt nach Aufbruch. Es klingt nach Teilhabe.

Dann liest man die Zahlen. Deutschland macht Fortschritte, heißt es aus Berlin. Das Fachportal it-daily verweist auf den Digital Readiness Index, eine Art Thermometer für den Zustand der Republik im Netz. Mut machen, sagt man, den Weg noch entschlossener weiterzugehen. Wer den Index genauer liest, sieht ein Land, das nicht an der Spitze steht, sondern im gehobenen Mittelfeld — solide, bürokratisch, geduldig. Fortschritt als Schnecke, nicht als Sprint. Das ist die Wahrheit, freundlich verpackt.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite steht in keiner Sonntagsrede. Sie steht in den Geschäftsberichten der großen Plattformen, in den Architekturen der Rechenzentren, deren Stromrechnungen ganze Kraftwerke speisen. Sie steht in den Verträgen, die niemand liest, weil niemand sie lesen soll. Sie steht in der wachsenden Datenspur, die jeder Klick, jeder Suchbegriff, jede Geste, jeder Ladevorgang hinterlässt. Rechenleistung verdoppelt sich. Die Fähigkeit, diese Leistung zum Speichern, Auswerten und Verwerten von Daten zu nutzen, verdoppelt sich mit. Die Frage ist nicht mehr, ob wir überwacht werden. Die Frage ist, wer den Monitor bedient.

Wer kontrolliert das? Nicht der Mann in der Suppenküche, der seinen Ausweis online verlängern will und am Ende doch wieder in der Behörde steht. Nicht die kleine Händlerin, deren Kassenbons jetzt auf Servern eines Drittlandes archiviert werden, ob sie will oder nicht. Nicht die Auszubildende, deren Bewerbungsunterlagen durch eine KI sortiert werden, deren Kriterien niemand offenlegt. Kontrolliert wird dort, wo die Server stehen. Kontrolliert wird dort, wo die Algorithmen geschrieben werden. Kontrolliert wird dort, wo die Rechenleistung konzentriert ist.

Profitiert wird auch dort. Während der Durchschnittsbürger seine Steuererklärung in einem digitalen Formular ausfüllt, das ihn mehr Zeit kostet als das alte Papier, verdienen andere daran — an jeder Schnittstelle, an jedem Token, an jeder vermeintlich kostenlosen Verbindung. Die Wertschöpfung der Digitalisierung folgt einer Geografie, die mit der Geografie der Nutzer nur noch entfernt zu tun hat. Daten fallen hier an, Wert entsteht anderswo. So steht es nicht in den Broschüren. So steht es in den Bilanzen.

Wer zahlt den Preis? Diejenigen, die keine Wahl haben. Wer keinen Anschluss hat, ist draußen. Wer den Anschluss hat, aber nicht weiß, was er preisgibt, ist auch draußen — nur merkt er es nicht. Digitale Ungleichheit ist die leiseste Form der Ausgrenzung, weil sie sich als Teilhabe verkleidet. Man ist dabei. Man ist online. Man ist erreichbar. Und genau das ist der Punkt.

Ich schreibe das als Frau in einem Beruf, der mir offiziell nicht zusteht. Telegraphistin, Funkerin, Radartechnikerin. Eine Frau, die Frequenzen hört, die anderen zu hoch sind, in einem Gewerbe, das sich seine Geschlechter seit Jahrzehnten diktiert. Ich schreibe es trotzdem. Weil die Drähte summen, und weil jemand zuhören muss, wenn die Erzählung vom Fortschritt zu glatt wird.

Vierzig Jahre Moores Gesetz. Eine Branche, die sich immer schneller dreht. Eine Gesellschaft, die mit der Geschwindigkeit ihrer Werkzeuge nicht mithält — nicht mithalten kann, weil die Werkzeuge nicht für sie gebaut werden, sondern für jene, die sie verkaufen. Das ist keine Verschwörung. Das ist Geschäftsmodell. Das ist Standard. Das ist die unsichtbare Bruchstelle in der glänzenden Fassade des Fortschritts.

Es gibt andere Wege. Sie stehen in denselben Papieren, die oben zitiert werden — nur liest sie niemand. Gemeinsam gestalten, heißt es. Den Zusammenhalt stärken. Forschung. Innovation. Neue Technologien. Es klingt, als wüssten alle, was zu tun ist. Es klingt, als fehle nur der Wille.

Ich glaube, es fehlt mehr als das. Es fehlt die Vorstellung davon, wem diese Maschinen dienen sollen. Solange das nicht geklärt ist, bleibt der Fortschritt, was er seit vierzig Jahren ist — eine Schnecke auf einem Highway aus Silizium. Schneller als gestern. Langsamer als nötig.

Die Drähte summen weiter. Ich übersetze weiter.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite