Unter Nungambakkam frisst sich der Bohrer durch den Ton
Fünfhundert Meter. So lang ist das Teilstück, das jetzt zwischen der neuen Station Nungambakkam und der Station Sterling Road im Boden verschwindet. Im Januar nächsten Jahres soll der Vortrieb abgeschlossen sein, so die Chennai Metro Rail Limited (CMRL). Der Boden ist tonig, heißt es. Man erwarte keine größeren Schwierigkeiten.
Fünfhundert Meter sind ein Glied in einer Kette von 118,9 Kilometern. Phase II nennt sich das Netz, das die CMRL derzeit durch Chennai zieht. Korridor 3 verbindet künftig Madhavaram mit SIPCOT über Nungambakkam und Adyar, 45,8 Kilometer insgesamt. Drei Stationen allein an der Uthamar Gandhi Road, einer Achse, die bereits jetzt von Behörden, Colleges und Geschäften gesäumt wird. Die Nungambakkam-Station entsteht unweit der Wallace Garden und der Khader Nawaz Khan Road, einer Adresse, die im Stadtgefüge als nobel gilt. Sterling Road liegt nahe der Good Shepherd Matriculation Higher Secondary School. Eine weitere Station, getauft auf den Namen Anna Flyover Metro, nimmt am Ispahani Centre Gestalt an.
Die Tunnelbohrmaschinen fräsen unter der Uthamar Gandhi Road, der Valluvar Kottam Road und unter — so die offizielle Formulierung — einer Handvoll Gebäude hindurch. Anwohner wie Shoba Mothinath aus Wallace Garden sagen, was Anwohner in solchen Bauphasen immer sagen: die künftige Anbindung sei ein Segen, man möge nur bitte zügig fertig werden. Schon seit Monaten werde gebaut, der Monsun stehe vor der Tür. Was sie nicht sagen: was während der Bauzeit aus dem Straßenraum wird.
Verkehrsumleitungen, verkleinerte Fahrbahnen. Uthamar Gandhi Road, Valluvar Kottam Road. Während unter der Stadt das Netz wächst, schrumpft an der Oberfläche der Raum, der den Menschen bleibt, die hier wohnen, handeln, zur Schule gehen. Phase I hat gezeigt, wohin die Reise geht: die Anbindung an den Flughafen hat Pendlerströme verändert, Grundstückswerte verschoben, Mieten angehoben. Wer in Gehweite einer Metro-Station wohnt, gehört zu einer anderen Klasse von Bewohner als jene, die einen Bus besteigen müssen. Welche Eigentümer die Handvoll Gebäude haben, unter denen der Bohrer sich seinen Weg bahnt, sagt die CMRL nicht. Die Formulierung allein zeigt, dass hier jemand entschieden hat, was wert ist, genannt zu werden.
Ein zweiter Vortrieb, andernorts, illustriert die Maßstäbe. An der Nandanam-Station arbeitet sich seit Dezember vergangenen Jahres eine Tunnelbohrmaschine vom Panagal Park aus in Richtung Boat Club, 868 Meter durch Mittelsand, Ton und Schiefer. Achtmal musste der Schneidkopf in dieser Strecke ausgewechselt oder repariert werden — cutter head intervention heißt das im Fachjargon. In wenigen Tagen wird diese Maschine, die quer unter dem bestehenden Phase-I-Tunnel an der Station Nandanam hindurchfräsen wird, in 29,8 Metern Tiefe arbeiten. Sensoren messen seit zwei Wochen die Erschütterungen in Echtzeit. Der Commissioner of Railway Safety hat die Genehmigung erteilt.
T. Archunan, Direktor für Projekte bei CMRL, erklärt: bisher seien die Vibrationen innerhalb der zulässigen Grenzen, keine Geschwindigkeitsbeschränkungen nötig. Sollten sie steigen, würden die Züge an der Nandanam-Station langsamer fahren. Zwei Wochen wird die Maschine unter dem bestehenden Tunnel arbeiten. Im Dezember dieses Jahres soll sie das Boat Club erreichen.
Chennai baut sich einen neuen Untergrund. 24 Durchbrüche hat die CMRL in Phase II bereits gezählt. Eine der Maschinen trägt den Namen Nilagiri und hat zwischen Madhavaram High Road und Moolakadai 819 Meter der oberen Tunnelröhre geschafft. Die Bohrmaschinen haben Namen. Die Tunnel haben Nummern. Die Frage, was am Ende an die Oberfläche gespült wird — wer verliert, wem die Stationen gehören werden, wie der verdrängte Straßenraum zurückkehrt —, bleibt unbeantwortet.
Stahlbeton ist geduldig. Er wartet.