DONNER ÜBER DER SUPPENKÜCHE — WER HAT ANGST VOR DEM WASSERHAHN?
Manhattan, Büro der Terminal Tribune. Draußen grollt es. Drinnen der Lötkolben, der Kaffee kalt wie immer. Und auf meinem Schreibtisch liegt ein Gerücht, älter als die Funktechnik selbst: Duschen bei Gewitter — tödlich?
Ich sage: Ich übersetze. Erst die Frequenz, dann das Geräusch, dann die Wahrheit dahinter.
Beginnen wir mit dem, was auf dem Draht liegt. Wer in den letzten Jahren einen Blick in eine Suchmaschine geworfen hat, kennt die Warnung. Cleveland Clinic, Real Simple, CNN, ADT — vier Stimmen, ein Tenor: Hände weg vom Wasserhahn, wenn der Himmel Blitze schleudert. Die Begründung klingt so einfach, dass man sie glauben möchte, bevor man sie zu Ende gedacht hat. Wasser leitet. Rohre leiten. Der Mensch im Wasser leitet. Also: Blitz, Rohr, Mensch, Sarg.
Eine hübsche Geschichte. Zu hübsch vielleicht.
Die Behauptung im Kern: Wenn der Blitz in ein Haus einschlägt, sucht er sich den Weg des geringsten Widerstands — und das seien ausgerechnet die Kupfer- oder Eisenrohre der Hausinstallation. Von dort springt er in die Dusche, in die Spüle, in die Hände, die gerade das Geschirr abwaschen. Cleveland Clinic formuliert das 2023 mit der Sicherheit eines Lehrbuchs: *Lightning can strike a house and travel through its plumbing to strike you.* Real Simple legt 2026 nach und erweitert das Verbot auf jede Form fließenden Wassers. CNN zitiert 2023 ebenfalls den Leitungsweg als Risiko.
So weit, so plausibel. Physik lässt sich nicht wegdebatten. Metalle leiten. Wasser, insbesondere in Verbindung mit gelösten Mineralien, leitet ebenfalls. Wenn ein Blitz mit seinen dreißigtausend Ampere in ein ungeerdetes Rohrsystem fährt, passiert — irgendetwas. Die Frage ist nur: was genau, wie oft, und vor allem: wie oft auf die Art, wie sie uns erzählt wird?
Hier beginnt die Arbeit der Übersetzerin. Ich höre genauer hin.
ADT, ein Unternehmen das nicht für wissenschaftliche Veröffentlichungen bekannt ist sondern für Sicherheitstechnik, liefert in seinem Artikel von 2020 eine bemerkenswert ehrliche Zahl: Zwischen zehn und zwanzig Menschen werden demnach pro Jahr in den Vereinigten Staaten durch Wasser oder elektrische Geräte während eines Gewitters verletzt. Zehn bis zwanzig. In einem Land mit dreihundert Millionen Einwohnern und geschätzt vierzig Millionen Blitzeinschlägen jährlich. Das ist keine Statistik, das ist ein Flüstern im Rauschen.
Noch ehrlicher wird ADT, wenn es darum geht, den spektakulärsten Teil der Lege zu hinterfragen: *It's unclear whether or not anyone has ever died from showering during a thunderstorm.* Unklar. Ob überhaupt jemand gestorben ist. Beim Duschen. Während eines Gewitters.
Lassen Sie das einen Moment sacken.
Die populärste Sicherheitswarnung des digitalen Zeitalters, geteilt in Foren, weitergegeben von Großmüttern, zitiert von Nachrichtensendern — sie basiert auf einem Mechanismus, der physikalisch denkbar ist, und auf einer Opferzahl, die niemand exakt benennen kann. Die Faktenchecker von Snopes haben das Thema wiederholt bearbeitet. Ihr Urteil tendiert zu *mostly true*, aber mit einem Vorbehalt, der selten zitiert wird: Die dokumentierten Fälle sind rar, die meisten Verletzungen betreffen nicht die Dusche sondern andere Kontaktpunkte mit der Hausinstallation.
Was also bleibt, wenn wir den Lärm abziehen?
Erstens: Die physikalische Möglichkeit ist real. Moderne Häuser mit metallischen Wasserrohren, die als ungewollter Blitzableiter fungieren können, sind keine Erfindung. In älteren Gebäuden mit Kupferleitungen, die direkten Erdkontakt haben, ist das Risiko anders zu bewerten als in Neubauten mit Kunststoffrohren und potentialausgleich. Das wird in den Warnungen selten differenziert.
Zweitens: Die Gewitterform macht einen Unterschied. Ein trockenes Gewitter ohne Niederschlag in unmittelbarer Nähe kann über die Wolke-Wolke-Entladung anders wirken als ein Frontgewitter mit direktem Niederschlag über dem Haus. Auch diese Unterscheidung sucht man in den gängigen Warnungen vergeblich.
Drittens: Die Wahrscheinlichkeit, vom Blitz in der eigenen Dusche getötet zu werden, ist verschwindend gering. Statistisch relevanter ist der Aufenthalt im Freien, unter Bäumen, am offenen Fenster. Wer bei Gewitter duscht, verlässt statistisch betrachtet einen sicheren Raum, um einen etwas weniger sicheren aufzusuchen — nicht umgekehrt.
Was bleibt mir als Übersetzerin? Die ehrliche Antwort, die niemand hören will: Es besteht ein Risiko. Es ist winzig. Es ist nicht null. Und die populäre Darstellung dieses Risikos vermischt physikalische Möglichkeit mit dokumentierter Gefahr, bis beide nicht mehr voneinander zu trennen sind.
Mein Rat an die Hörerinnen und Hörer dieses Drahtes: Wer bei Gewitter duscht, sollte wissen, was er tut. Wer bei Gewitter im Freien steht, ist schlechter dran. Und wer im Internet eine Sicherheitswarnung liest, sollte immer fragen, wer davon profitiert, dass er sie teilt.
Der Lötkolben glüht. Das Gewitter zieht ab. Die Suppenküche wartet.
— Ada Voss, für die Terminal Tribune
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