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12. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Fortschritt, sagt wer? Eine Quelle, eine Behauptung

12. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Eine Quelle liegt auf meinem Schreibtisch. Eine einzige. Sie sagt: Digitalisierung wird als Fortschritt beschrieben. Das ist alles.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Für einen Satz ist das viel. Für einen Bericht ist das nichts.

Mein Name ist Ada Voss. Ich sitze in einem Büro, das nach Lötzinn und kaltem Kaffee riecht, und ich übersetze, was die Drähte flüstern. Dreißig Jahre lang habe ich übersetzt — Telegraphie, Funk, Radar. Jede neue Frequenz kam mit dem Versprechen, sie werde die Welt verbessern. Jede neue Frequenz kam mit Kosten, die man mir erst später zeigte. Wenn mir heute eine Quelle nur einen Satz liefert, frage ich: Was steht nicht in dem Satz? Was wurde weggelassen? Wer hat ihn formuliert, und wem nützt er?

Das Wort „Fortschritt" ist das gefährlichste Wort in meinem Beruf. Es klingt wie eine Tatsache. Es ist eine Meinung. Es setzt voraus, dass alle in dieselbe Richtung gehen. Es setzt voraus, dass die Richtung feststeht. Beides ist nicht gegeben.

Digitalisierung — der Vorgang, dass menschliche Handlungen, Beziehungen, Daten in maschinenlesbare Form überführt werden — wird in der vorliegenden Quelle als Fortschritt beschrieben. Die Quelle sagt nicht: Fortschritt für wen. Die Quelle sagt nicht: Fortschritt gemessen woran. Die Quelle sagt nicht: Fortschritt auf wessen Kosten. Das fällt mir auf.

In meiner Arbeit habe ich gelernt: Jede Übersetzung verändert die Botschaft. Eine Nachricht, die durch den Draht geht, kommt auf der anderen Seite nicht als dieselbe an. Wörter werden kürzer, schneller, präziser — und verlieren dabei Kontext, Tonfall, Schattierung. Wer nur die Übersetzung liest, kennt das Original nicht.

Digitalisierung ist, in dieser Hinsicht, eine besonders weitgehende Übersetzung. Sie übersetzt nicht nur Wörter. Sie übersetzt Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Beziehung, Arbeit. Alles, was vorher in Papier, in Räumen, in Gesichtern stattfand, wird in Datensätze überführt. Die Übersetzung wird zum Original erklärt — und das Original verschwindet im Rauschen.

Eine Quelle reicht mir nicht, um zu sagen, ob das gut oder schlecht ist. Eine Quelle reicht mir nicht, um zu sagen, wer profitiert. Aber eine Quelle reicht mir, um die nächsten Fragen zu stellen.

Frage eins: Wer nennt das Fortschritt? In meiner Berichterstattung habe ich drei Sorten von Stimmen kennengelernt, die dieses Wort benutzen. Die ersten sind die Verkäufer — Hersteller, Plattformen, Anbieter. Sie sagen Fortschritt, weil das Wort Türen öffnet und Kritiker als rückständig erscheinen lässt. Die zweiten sind die Anwender — Betriebe, Behörden, private Nutzer. Sie sagen Fortschritt, weil die Alternative ist zuzugeben, dass sie sich haben überreden lassen. Die dritten sind die Betroffenen — Beschäftigte, deren Arbeit sich verändert hat, deren Daten verwertet werden, deren Tagesablauf sich nach fremden Logiken richtet. Diese dritte Gruppe sagt seltener Fortschritt. Sie wird gefragt.

Frage zwei: Wessen Fortschritt? Eine Maschine, die eine Tätigkeit übernimmt, ist Fortschritt für den, der sie nicht mehr tun muss, und Verlust für den, der sie nicht mehr tun darf. Eine Erhebung, die einen Vorgang „effizienter" macht, ist Fortschritt für den, der den Überblick bekommt, und Einbuße für den, der überblickt wird. Effizienz ist kein Wert an sich. Sie ist ein Verhältnis — zwischen dem, was gewonnen, und dem, was geopfert wird.

Frage drei: Auf wessen Kosten? Privatsphäre ist ein Wort, das ich in meiner Laufbahn wieder und wieder gehört habe. Es bezeichnet den Raum, den ein Mensch um sich hat, ohne beobachtet zu werden. In der Telegraphie war dieser Raum groß. Wer wem was schickte, wussten nur die Operatoren, und sie waren an Schweigepflicht gebunden. In der Funkübertragung wurde der Raum kleiner. Wer eine Frequenz abhörte, konnte mitlesen. In der heutigen, von der Quelle als Fortschritt beschriebenen Übersetzung wird der Raum kleinmaschig. Jeder Klick, jeder Standort, jeder Kontakt wird registriert. Die Privatsphäre wird nicht abgeschafft. Sie wird umdefiniert: vom persönlichen Raum zur individuellen Konfiguration von Einwilligungen, die niemand liest.

Arbeitswelt ist das andere Wort, das ich wieder und wieder höre. In der Fabrik der Dreißigerjahre hieß Automatisierung: weniger Hände, mehr Maschinen, mehr Ware, weniger Lohnsumme. Der Fortschritt wurde an Stückzahlen gemessen, nicht an Würde. Was mir die vorliegende Quelle sagt — dass Digitalisierung Fortschritt sei —, klingt strukturell vertraut. Die Wörter haben sich geändert. Die Frage ist dieselbe: Wer wird schneller, und wer wird überflüssig?

Ich schreibe das nicht, weil ich es weiß. Ich schreibe das, weil meine Quelle es mir nicht sagt.

Mein Beruf ist Berichterstattung, nicht Ermittlung. Ich urteile nicht über die vorliegende Quelle. Ich vermerke, was sie enthält, und was sie nicht enthält. Sie enthält das Wort Fortschritt. Sie enthält nicht: die Definition dieses Fortschritts, die Benennung der Nutznießer, die Benennung der Verlierer, die Belege, die Gegenargumente, die Einwände der Betroffenen.

Eine Quelle, ein Satz, ein Wort. Das ist keine Grundlage. Das ist ein Anfang.

In meinem Beruf — begonnen als Telegraphistin, ein Beruf, der Frauen in diesem Jahr offiziell nichts anging — habe ich gelernt: Wenn dir jemand sagt, etwas sei Fortschritt, frage, für wen, seit wann, und woran gemessen. Wenn dir jemand sagt, du sollst nicht fragen, schreibe besonders genau.

Die Drähte summen. Die Quelle liegt auf dem Tisch. Ich übersetze — noch nicht.

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