Autismus: Wer definiert die normale Kommunikation?
1937. Die Drähte summen. Ich übersetze. Auf dem Tisch liegt kein neues Funksignal, sondern eine Störung im Empfang. Der emeritierte Professor Richard Murphy berichtet, die Times habe in dieser Woche Dame Uta Frith interviewt. Frith habe die Diagnose des bekannten Chris Packham infrage gestellt, über die dieser seit Jahren öffentlich gesprochen hat. Weil Packham sich gut ausdrücke, habe sie gesagt, er könne nicht autistisch sein; die Diagnose sei absurd. Frith beziehe sich außerdem auf Argumente, die sie zuvor auf der Website des University College London veröffentlicht habe. Murphy nennt den Schluss erstaunlich. Die Quelle liefert dafür keine klinischen Unterlagen.
Der Autor schildert zwei Menschen, die er gut kennt. Beide seien sozial geschickt, artikuliert und witzig; in normalen Umgebungen würden sie nie als autistisch erkannt. Beide hätten großen Aufwand gebraucht, um sich so zu verhalten. Murphy sagt außerdem, er selbst halte es für wahrscheinlich, dass er autistisch sei. Er meine, die drei sozialen Kommunikationskriterien A1, A2 und A3 des DSM-5 zu erfüllen, obwohl er im Gespräch und in verschiedenen Medien effektiv kommuniziere. Seine Angaben sind Selbstbeobachtungen, keine ärztlichen Befunde. Aber sie bohren ein Loch in die Logik, nach der sichtbare Souveränität automatisch gegen Autismus spricht.
Hier beginnt die Vorurteilsmaschine. Nicht als einzelner Schlag, sondern als Architektur: Die Gewohnheiten der neurotypischen Mehrheit gelten als neutral; Abweichung wird zum Defekt. Damit wird aus einem gesellschaftlichen Erwartungsfehler ein Fall für die Medizin. Erwartet werden schnelle Gespräche, intuitive Anspielungen und reibungslose Anpassung. Der Hinweis zur Diskriminierung autistischer Menschen beschreibt direkte und indirekte Formen, auch in Beruf und Bildung. SPARK for Autism berichtet, Stigma könne Familien davon abhalten, Diagnose und Unterstützung zu suchen oder sich zu beteiligen. Autism Spectrum News schildert Ausgrenzung, Mobbing und eine ableistische Gesellschaft, in der die neurotypische Mehrheit sofort Abneigung zeige. Keine Volkszählung, aber ein Muster: Wenn Kommunikation scheitert, sitzt die Schuld zuerst beim autistischen Menschen.
Die Medizin gibt dem Ganzen ein Formular. Das DSM-5, das die diagnostischen Standards für Autismus festlegt, ist nicht bloß ein Wörterbuch, sondern eine Klassifikationstechnik: Sie übersetzt Verhalten in Kategorien. Das kann Zugang zu Unterstützung eröffnen oder verschließen. Murphy hat möglicherweise recht, wenn er bezweifelt, dass „Autismus“ als ein Spektrum so viel erklärt, wie es verdeckt. Level 1 und Level 3 können bei Kommunikation, Selbstständigkeit und Unterstützungsbedarf sehr unterschiedliche Erfahrungen haben. Sein Vergleich mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes, die trotz gemeinsamer Blutzuckerregulation verschiedene Ursachen und Behandlungen haben, ist als Warnung nützlich, nicht als Beweis.
Der Fall Packham wird zur Doppel falle. Wer eloquent spricht, soll seine Diagnose widerlegen; wer Unterstützung braucht, wird unter Umständen nicht ernst genommen. Frith mag mit ihrer Kritik am weiten Spektrum einen Punkt treffen. Aus Packhams Wortgewandtheit folgt jedoch nicht, dass er nicht autistisch sein kann. Das Interview ist eine Expertenäußerung in einem Medium, kein unabhängiges klinisches Urteil. Unterwegs von der Times über Friths frühere UCL-Argumente bis zur Schlagzeile wird eine Fachfrage zum öffentlichen Lackmustest. Wer kontrolliert die Kategorie? Diejenigen, die Kriterien festlegen, Diagnosen anerkennen und Unterstützung bewilligen können. Wer profitiert, ist hier nicht beziffert; der Apparat verspricht klare Etiketten. Wer zahlt den Preis? Anpassungsarbeit und das Risiko, nicht ernst genommen zu werden.
Wo also liegt der Ursprung? Der vorliegende Kommentar nennt keine Stunde null, kein Archiv und keine historische Studie zur Technikgeschichte dieser Übersetzung. Er beweist nicht, wann eine Person oder Institution das Vorurteil erfand. Er legt aber eine Spur: Mehrheitsgewohnheit wird zur Norm, Norm zum Kriterium, Kriterium zur Verwaltungskategorie, Kategorie zum Hindernis. Die Technik dahinter wird sichtbar: Gespräch wird zum Kriterienraster, das Kriterienraster zur Akte. Diese Kette ist eine Arbeitshypothese, keine abgeschlossene Entstehungsgeschichte. Sie muss mit Medizingeschichte, Betroffenenberichten und Institutionsakten geprüft werden. Sie zeigt den Mechanismus, nicht den Geburtsort. Der dringliche Verdacht lautet: Das Problem ist womöglich nicht die Person, sondern die Architektur, die ihre Abweichung in einen Makel verwandelt. Man darf Autismus weder romantisieren noch Unterstützungsbedarf leugnen. Die Aufgabe lautet, Verschiedenheit zu erkennen und Kommunikation zu ermöglichen, statt alle gleichzuschalten. Auf dem Draht liegen mehr als eine Frequenz.
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