Börse 1937
Terminal Tribune

14. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

inas KI-Rally: Bewertungen auf dünnem Eis

14. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen, und diesmal tragen sie keine Morsezeichen aus dem Fernen Osten, sondern Kurse aus Shenzhen und Schanghai. Eine Depesche geht um den Globus, klar und eindeutig: Chinas KI-Euphorie treibt die Bewertungen chinesischer Technologiekonzerne auf ein Vielfaches ihrer Pendants in den Vereinigten Staaten. Das klingt nach Aufbruch. Es klingt auch nach Überdehnung.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Die Lage auf den Tasten: In China übersteigen mehr als 1.300 KI-Startups die Marke von 100 Millionen Dollar an Bewertung. Fast 500 davon gelten als Einhörner. Große Technologiekonzerne pumpen Milliarden in Rechenzentren und Hochleistungschips. Das zieht die Kurse nach oben. Die Bewertungen klettern. Investoren reiben sich die Augen — und sollten misstrauisch werden.

Denn die Bewertungen in Chinas KI-Tech-Sektor haben sich neu kalibriert, bleiben aber preiswerter als jene in den USA. So lesen es die Analysten von Fidelity International in ihrem aktuellen Fundamentals-Bericht. Klingt erstmal nach Schnäppchen. Ist aber eine Falle für jeden, der nur auf den Multiplikator starrt und nicht auf das, was darunter liegt.

Der Punkt ist nicht, dass China den Abstand zu den USA in der globalen KI-Rennbahn verringern will. Das ist das offizielle Narrativ, und die Politik spielt mit, unterstützend, wie es heißt. Der Punkt ist, dass die Bewertungen sich von den Fundamentaldaten entfernt haben. HBM4-Chips der sechsten Generation von Hochleistungsspeichern sollen die kommende Nvidia-Architektur Vera Rubin befeuern. Das ist Technik, die irgendwann Geld verdienen muss. Bis dahin ist sie ein Versprechen.

Der Rausch ist kein rein chinesisches Phänomen. Samsung hat jüngst die Eine-Billion-Dollar-Marke geknackt, getragen von derselben KI-Welle, die Kurse stiegen um über 15 Prozent. Hyundai Motor legte 24 Milliarden Dollar zu, befeuert durch die Robotik-Euphorie. Die Wellen schlagen hoch, und alle Welt paddelt mit. Aber in China, wo der Abstand zu den USA besonders schmerzhaft auf den Bewertungen lastet, ist die Versuchung am größten, die Lücke mit heißer Luft zu füllen.

DigiconAsia nennt es unverblümt: KI-Euphorie, getrieben von verzweifelter Spekulation, während die Marktrealität beginnt, sich zu entblättern. Das ist kein Außenseiter, der warnt. Das ist die Beschreibung eines Mechanismus, der zuschlägt, wenn Bewertungen sich selbst genügen.

Ich übersetze das für den Mann in der Suppenküche: Eine Branche, die Geld verbrennt, um Infrastruktur aufzubauen, die erst in Jahren Erträge abwerfen kann, wird an den Börsen so bewertet, als wäre der Ertrag bereits da. Wenn die Rechenzentren stehen und die Chips laufen, müssen die Kunden kommen. Wenn die Kunden nicht kommen, bleiben die Rechenzentren — teuer, stromhungrig, leer.

Wer profitiert? Die, die früh drin waren und rechtzeitig aussteigen. Wer zahlt den Preis? Die, die zu spät kommen und die Aktien in den Händen halten, wenn die Bewertungen sich wieder an die Realität anpassen. Das Muster ist so alt wie die Börse selbst.

Dass die Bewertungen in China preiswerter sind als in den USA, ist kein Argument für den Kauf. Es ist ein Argument für genauere Betrachtung. Denn ein niedrigerer Multiplikator auf eine überhitzte Blase ist immer noch eine Blase — nur eine billigere.

Die Politik in Peking will den Abstand verkürzen. Das ist legitim, das ist gewollt. Die Investoren aber, die sich durch den Lärm schneiden wollen, müssen sehr selektiv sein, mahnt Fidelity. Sehr selektiv. Das heißt auf deutsch: Finger weg von allem, was nur nach Geschichte klingt. Und hin zu dem, was Bilanzen, Aufträge, Cashflow vorweisen kann.

Die Frequenz, auf die ich höre, ist diesmal nicht die der Funktürme. Es ist die der Handelsregister, der Quartalsberichte, der Insolvenzanträge. Sie summen leiser als die Kurse. Aber sie tragen die Wahrheit.

Wer heute in Chinas KI-Markt investiert, kauft kein Unternehmen. Er kauft eine Wette auf eine Zukunft, die eintreten kann oder nicht. Die Bewertungen sagen: ganz sicher. Die Fundamentaldaten flüstern: vielleicht. Und die Geschichte der Spekulation, die sich selbst genügt, sagt: Vorsicht.

Die Drähte summen weiter. Aber diesmal trage nicht ich die Verantwortung dafür, was gehört wird.

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