Drahtlos verbunden, drinnen vereinsamt
Die Drähte summen lauter als sonst. Ich übersetze — wie immer.
Monty Don, 71, britischer Gärtner, feiert 43 Jahre Ehe mit seiner Frau Sarah und sagt: Ohne sie wäre er nicht aus der Depression gekommen, die er selbst als „schändlich" bezeichnet. Die Geschichte klingt nach privater Erlösung. Ich höre etwas anderes.
Auf demselben Band laufen drei weitere Sendungen ein. Ein Mann in Virginia, 31 Jahre verheiratet, der seiner Frau Lieder schreibt und seit drei Jahrzehnten darauf wartet, dass sie auch nur darum bittet, eines zu hören. Eine alleinstehende Rentnerin in Pennsylvania, deren Freundinnen sie kurzfristig zum Essen oder Theater einbuchsen und verstimmt sind, wenn sie ablehnt. Eine Frau in Großbritannien, 40 Jahre verheiratet, die ihrem Mann seit Jahrzehnten eine Affäre vorwirft und eine geplante Jubiläumsfeier nicht erträgt.
Vier Sendungen. Ein Muster.
Die Depression, das Nicht-Miteinander-Sprechen, das Misstrauen — nichts davon ist eine Erfindung der Neuzeit. Was neu ist, sind die Verzögerung, die heute fehlt, und der Zwang zu senden. Man konnte es verbergen, man musste es verbergen. Das Senden kostete Aufwand — Papier, Porto, der Weg zum Postamt.
Heute sendet jeder Haushalt auf allen Frequenzen gleichzeitig. E-Mails aus dem Wohnzimmer, das zugleich Büro ist. Texte ohne Tagesordnung. Soziale Netzwerke, die jede Krise live nehmen. Ein Privatleben ist keine Rückzugszone mehr — es ist Sendematerial, sobald das Display mitläuft.
Was ich darunter sehe: Die alte Verzögerung, ein Brief von London nach Manchester lag drei Tage unterwegs, ist auf drei Sekunden geschrumpft. Wer heute depressiv ist, sieht im Taschengerät zugleich, was er nicht hat, was er zu sein glaubt und was andere aus seinem Zustand machen. Die Frequenz ist dauerhaft, der Sender lässt sich nicht abdrehen.
Was Monty Don eine „Erweckung" nennt, ist darum weniger sein privater Sieg als die späte Sichtbarkeit eines Bruchs, den die alte Latenz still gehalten hätte. Die Überwachung — die freiwillige, die wir uns selbst antun in Form von Profilen, Posts und geteilten Momenten — hat das Innere nach außen gekehrt. Die Depression war da, bevor das Netz sie buchstabieren konnte. Das Netz hat sie zurück in den Bildschirm gespült, immer wieder, mit einer Lautstärke, die kein Spaziergang im eigenen Garten wegschalten kann.
Der wahre „wake-up call" ist also kein sanftes Klopfen der Gattin. Es ist eine systemische Notwendigkeit. Das permanente Netz hat das Private so laut gemacht, dass der Mensch handeln muss, ob er will oder nicht.
Die Frage in der Sendepause: Wem gehört diese Infrastruktur? Wer entscheidet, welche Kamera, welche Plattform, welcher Algorithmus welche Geschichte vor welches Publikum spielt? Wer verdient daran, dass Privatheit zur Sendeunterlage wird? Wer bezahlt den Preis, dass jeder Haushalt dauerhaft sendefähig sein muss?
Die Frau in Virginia bezahlt ihn — der Mann schreibt weiter, sie hört nicht zu, beide schweigen. Die Rentnerin in Pennsylvania bezahlt ihn — sie schirmt Anrufe ab und wird zur Verweigerin. Die Britin bezahlt ihn — sie hat eine Feier zu ertragen, bei der sie die Wahrheit niemandem sagen kann, nicht einmal sich selbst.
Bei mir hieß das: Man ging zur Vermittlung, fragte nach einer Leitung, bekam sie oder bekam sie nicht. Man schrieb, frankierte, wartete. Wer nicht schrieb, fiel nicht aus der Welt. Heute fällt man aus der Welt, wenn man nicht postet — und genau das ist die Störung dieser Frequenz.
Man verkauft sie uns als Fortschritt. Was sie tatsächlich macht: Sie macht die Isolation hörbar. Das ist der Unterschied — und er gehört untersucht, nicht von den Therapie-Sendungen, sondern von denen, die das Netz verkabelt halten.
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