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Terminal Tribune

14. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Liebe als User Experience: Wenn Plattformen Glück kuratieren

14. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Ich notiere.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Auf den ersten Blick ist es ein harmloser Schnipsel aus dem Londoner Celebritykosmos: Jamie Laing, bekannt aus der Realityserie "Made in Chelsea", veröffentlichte am Freitag auf Instagram eine Montage. Die Clips zeigen seine Frau Sophie Habboo im Bikini, Szenen mit dem gemeinsamen Baby Ziggy, acht Monate alt, und Aufnahmen des Paares beim Herumalbern. Die Bildunterschrift, an die Follower gerichtet: "try to marry your best friend." Eine konventionelle Botschaft. Ein konventionelles Format.

Doch die Konvention ist das Produkt. Und das Produkt ist die Aussage.

Die Montage ist kein privater Moment, der zufällig öffentlich wurde. Sie ist ein kuratiertes Stück Content, zusammengesetzt aus Versatzstücken, die nach den Gesetzen der Plattform optimiert sind. Bikini-Szene: sommerlich, körperlich, teilbar. Baby-Moment: emotional, niedrigschwellig, universell verständlich. Paar-Szene: intim, aber öffentlichkeitskompatibel. Die Sequenz folgt einer Grammatik, die Algorithmen lesen können — und die Verweildauer entsprechend steigern. Wer einen solchen Clip produziert, weiß das. Wer ihn teilt, sollte es auch wissen.

Was hier verhandelt wird, ist nicht das Glück der Laings. Was hier verhandelt wird, ist ein Angebot. Die Plattform verkauft ein Modell. Das Modell sagt: So sieht gelingende Beziehung aus. Eine Bikinifigur nach der Schwangerschaft. Ein Baby, das in die Kamera lächelt. Ein Mann, der verklärt zusieht. Die Wirklichkeit dazwischen — die schlaflosen Nächte, die Verhandlungen um Windeln und Stillrhythmen, die stille Frage, ob das alles stimmt — wird sauber weggeschnitten. Was übrig bleibt, ist ein Hochglanzprodukt, designt für den Feed.

Die Erwartung, die solche Inhalte erzeugen, ist nicht bloß unrealistisch. Sie ist industriell. Die Plattform hat ein ökonomisches Interesse daran, dass Nutzer diesem Bild nacheifern. Werbung lässt sich besser an Personen verkaufen, die glauben, ein konsumierbares Glück erreichen zu können. Die Süßwarenmarke Candy Kittens, die Laing gemeinsam mit Ed Williams gegründet hat und nach eigenen Angaben über sechs Millionen Tüten verkauft haben will, ist ein Beispiel für die Geschäftslogik, die hier mitschwingt. Persönliches Glück und Produktplatzierung liegen häufig auf demselben Bild, wenn nicht auf demselben Atemzug. Die Montage ist also auch Conversion-Optimierung — die freundliche Fassade, hinter der die Mechanik des Marktes arbeitet.

Die Übersetzung ist klar: Dies ist eine User Experience. Die Montage ist weniger Realität als Interface. Die Plattform liefert das Gefühl, man könne durch die richtige Inszenierung am Glück anderer teilhaben. Wer das nicht liefert, wer schweigt statt zu posten, wer die Inszenierung verweigert, verschwindet aus dem Feed. Die Konsequenz ist nicht nur eine Verzerrung der Wirklichkeit. Die Konsequenz ist eine Art technologisches Leistungsdiktat. Wer heute eine Beziehung führt, muss sie auch produzieren. Besonders sichtbar wird das an Paaren, die ihren Alltag fortlaufend in Szenen verwandeln — vom Kennenlernen über die Schwangerschaft bis zur Benennung der gemeinsamen Kinder. Die Kette der Inszenierungen wird länger, nicht kürzer.

Die scharfe Kante liegt anderswo. Die scharfe Kante liegt bei denjenigen, die den Clip sehen und ihr eigenes Leben dagegen halten. Die übersetzte Botschaft ist nicht "versuche, deinen besten Freund zu heiraten." Die übersetzte Botschaft ist: "Versuche, die Inszenierung zu treffen." Was an die Drähte geht, ist also kein privater Rat. Es ist eine Anweisung. Und wer am Ende den Preis zahlt, sind nicht die Poster — sondern die Zuschauer, die glauben, dass die Montage stimmt. Für sie ist das vergitterte Fenster zur vermeintlich perfekten Liebe kein Bonus. Es ist eine Schablone, an der das eigene Leben gemessen wird — und an der es nur scheitern kann.

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