Die Natur hat keine Lobby — 84 Prozent der Staaten verfehlen die Frist
1937 schreibe ich über Drähte und Funkwellen. 2026 schreibe ich über Zahlen, die niemand hören will. Was auf der Leitung liegt, ist diesmal keine morsche Depesche aus der Reichsfunkstelle — es ist eine Bilanz aus Genf. 270 Milliarden Dollar schwer.
Die Convention on Biological Diversity, der globale Vertrag zum Schutz der Artenvielfalt, hat 2022 fast jede Nation der Welt an einen Tisch gebracht. Heraus kam ein Katalog von Zielen: Bis 2030 soll der Verlust an Biodiversität gestoppt und umgekehrt werden. Klingt ambitioniert. Klingt nach Absichtserklärung. Der erste Meilenstein jedoch war greifbar — eine Frist, die Ende 2025 ablief.
Jeder Unterzeichnerstaat sollte bis dahin alle Subventionen identifizieren, die der Natur schaden. Direktzahlungen, Steuererleichterungen, Förderprogramme — Geldströme in fossile Brennstoffe, industrielle Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Bergbau und Fischerei. Erst identifizieren, dann abschaffen oder umbauen, mindestens 500 Milliarden Dollar pro Jahr bis 2030.
Was ist passiert? Eine Analyse von Carbon Brief zeigt es jetzt, basierend auf 134 nationalen Berichten an die UN-Konvention, eingereicht bis 1. Juli 2026: 21 Länder haben den Prozess abgeschlossen. Das sind 16 Prozent der Berichtenden. Weitere 11 Länder plus die Europäische Union haben Zahlen vorgelegt, aber nur für einzelne Sektoren. 66 Staaten haben angefangen. 68 nicht einmal das. 62 Vertragsparteien haben noch gar keinen Bericht eingereicht.
84 Prozent. Frist verfehlt.
Die 32 Länder, die überhaupt Zahlen lieferten, geben zusammen fast 270 Milliarden Dollar pro Jahr für naturzerstörende Subventionen aus. Ein in der Analyse zitierter Experte spricht von der „Spitze des Eisbergs" — weltweit seien es Billionen.
Wer profitiert davon? Die fossile Industrie. Die Agrochemie. Die industrielle Fischereiflotte. Der Bergbau. Nicht in Gestalt von Koffern voller Bargeld — ihre Lobbyisten sitzen in Hauptstädten, ihre Anwälte schreiben Eingaben, ihre Pressestellen sprechen von „Wettbewerbsfähigkeit" und „Arbeitsplätzen". Das Geld aber, das fließt, kommt aus öffentlichen Kassen.
Die Methodik der Analyse ist bemerkenswert zurückhaltend. Carbon Brief räumt ein, dass die Kriterien dafür, was als „Ziel erreicht" gilt, nicht explizit definiert sind. Die Analysten nahmen jedes Land, das sagte: „Wir sind fertig mit der Identifikation" und legte eine Gesamtsumme vor. Eine großzügige Lesart. Bei strenger Auslegung wäre die Quote der „Erfolgreichen" noch kleiner.
Zwei Akteure fehlen in der Liste von vornherein. Die Vereinigten Staaten und der Heilige Stuhl — der Vatikan — sind keine Vertragsparteien. Washington unterzeichnete nie, Rom hat Sonderstatus. Beide bleiben außen vor.
Fünf der 17 megadiversen Länder — jener Staaten also, in denen der größte Reichtum an Arten konzentriert ist — haben die Frist eingehalten. Dort, wo am meisten zu verlieren wäre, wird am langsamsten gezählt.
Die Analyse wurde von mehreren Fachportalen aufgegriffen und übereinstimmend referiert, darunter The Financial Analyst und Energy News 247. Eigene unabhängige Recherchen jenseits der Originalquelle liegen bislang nicht vor.
Was bleibt? Eine globale Governance-Lücke, die niemand schließen will. 270 Milliarden Dollar, die zugegeben werden, und ein Vielfaches, das unter dem Tisch bleibt. 500 Milliarden Dollar sollten bis 2030 abgebaut werden. Mit jedem Bericht, der nicht geschrieben wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Korridor noch gehalten werden kann.
Manchmal, in einer Suppenküche, sagt jemand: „Irgendjemand muss es ja sagen." Ich sage es hier. Die Drähte summen. Die Natur verstummt leise.
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