Tastatur zu, Chip läuft: BlackBerrys zweites Leben
Die Drähte summen. Waterloo, Ontario, 1984. Zwei Ingenieure, Mike Lazaridis und Douglas Fregin, gründen Research In Motion. So beginnt eine der drei Quellen, die mir vorliegen, knapp, fast beiläufig, ohne den späteren Stolz. Was folgt, ist eine Geschichte, die jeder Erzähler kennt, aber kaum einer zu Ende erzählt — eine dominante Marktstellung in Managerjacken und Pressestuben, ein Sturz in der Größenordnung mehrerer Marktzyklen, eine zweite Existenz irgendwo in der Halbleiterwelt. Das Buch, aus dem 2023 ein Film wurde, trägt den Untertitel "The Untold Story Behind the Extraordinary Rise and Spectacular Fall of BlackBerry". Untold — unerzählt. Das ist ein Hinweis.
Drei Quellen liegen mir vor. Erstens die Notiz zum gleichnamigen Film — eine kanadische Filmbiografie von 2023 unter der Regie von Matt Johnson, gedreht nach einem Drehbuch, das er zusammen mit Matthew Miller schrieb, frei nach dem Buch von Jacquie McNish und Sean Silcoff. Zweitens ein Sachbericht, der festhält, das Unternehmen betreibe heute "Hunderte Millionen Geräte, insbesondere Fahrzeuge". Drittens eine Chronik, die an die Gründung 1984 in Ontario erinnert und das Paar Lazaridis und Fregin nennt. Drei Quellen, drei Blickwinkel, keine einzige erzählt die Akte zu Ende.
Was sie verschweigen, ist genau der Stoff, der sie zu einer Akte macht.
Das Wie des Sturzes. Der Filmtitel borgt sich vom Buch das Bild "Losing the Signal" — Signal verloren. Wer verliert ein Signal, der Sender, der Empfänger, das Medium? Die Quellen benennen weder den Mechanismus noch den Tag. Sie springen vom höchsten Punkt zur heutigen zweiten Existenz und überspringen den langen Weg dazwischen — jene Jahre, in denen eine Tastatur, die einst Zuverlässigkeit war, plötzlich als Anker galt, festgewurzelt gegen das Glas.
Die Zahl der Menschen, die mit dem Signal gingen. Gegründet 1984, zur Reife gebracht ohne präzise Datierung durch die Quellen, fällt die Belegschaft in einer Größenordnung zusammen, die keiner der drei Texte beziffert. Wer in Ontario blieb, wer die zweite Inkarnation trägt, wer auf der Strecke blieb — keine Antwort in den vorliegenden Quellen, kein Wort über die Leute, die eine Marke gebaut haben.
Die Eigentumsfrage. Der Sachbericht feiert das "Reinvented itself" der Firma. Er verschweigt, wer das Unternehmen heute besitzt, wer es finanziert, wer an seinem Gewinn partizipiert. Das Buch trägt den Untertitel "Untold Story" — und genau diese Untold-Stelle bleibt unausgefüllt.
Die Frage, was genau in den Fahrzeugen steckt. "Powering vehicles" — die Formulierung bleibt technisch unbestimmt. Geht es um Infotainment, um Sensorfusion, um Bordnetze? Wer liefert die Chips, wer zertifiziert die Sicherheit, wer haftet, wenn das Bordnetz ausfällt? Die Quellen geben keine Antwort, kein Bauteil, kein regulatorisches Detail. Bloß die Überschrift.
Das Bild, das sie zeichnen. Die Sprache ist Werbung. "Reinvented itself". "Hundreds of millions of devices". "Rise and Fall". Die Sätze verlassen die kritische Distanz, kaum dass sie begonnen haben. Sie fragen nicht, was die zweite Existenz jenseits der Erlösung bedeutet. Sie fragen nicht, ob das noch Macht ist oder nur Sichtverlust. Wer nicht mehr in der Hand liegt, fällt nicht mehr auf, verschwindet aber auch nicht.
Daraus ergibt sich zwingend eine Lesart. Das Unternehmen von 1984 ist nicht das Unternehmen, das heute in Fahrzeugen steckt. Ob die zweite Inkarnation die Macht der ersten hat, ist eine offene Frage. Ob die Totgesagten wiederbelebt oder nur verlegt wurden — in fremde Hände, in fremde Branchen, in fremde Regulierungsregime —, das ist die Frage, die die drei Quellen offen lassen.
Vielleicht ist das die Pointe, die eine kritische Akte verlangt. Die Geschichte wurde erzählt, aber nicht zu Ende erzählt. Sie endet mit einem Satz im Präsens und einer Lücke dahinter. Wer die zwei Jahrzehnte zwischen dem höchsten Punkt und dem heutigen Fahrzeug-Chip schreiben will, hat drei Quellen und einen Berg offener Felder. Ich übersetze. Die Drähte summen. Waterloo schweigt. Die Tastatur klappt zu. Das Auto fährt.
Ada Voss, Terminal Tribune
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