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17. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Koretsky übernimmt — Mandat: Netz durch den Winter

17. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Kyiw — Die Nachricht kam über die Drähte wie ein Hochspannungsmast im Sturm: gefaltet, aber unter Spannung. Präsident Selenskyj bietet Serhij Koretsky, dem Chef des staatlichen Energiekonzerns Naftohaz, den Posten des Premierministers an. Die Werchowna Rada hat ihn am Donnerstag ernannt. Er ersetzt Julija Swyrydenko, die am Dienstag aus dem Amt entlassen wurde.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Der Auftrag, den Koretsky mitbringt, steht nicht in Pressekonferenzen. Er steht in Transformatorenstationen und Schaltleitungen. Koretskys Mandat: das ukrainische Energienetz durch den härtesten Winter des Krieges bringen. Stahlhart soll es werden. Stahlhart klingt nach Schweißnaht und nach Hochfrequenz — genau das, was zwischen den Masten summt.

Koretsky ist kein Politiker im klassischen Sinn. Er ist Gasmann. Naftohaz — der Energiekonzern, durch den jede Krise geschleust werden musste, seit 2014 die Krim fiel, seit 2022 das ganze Land unter Beschuss liegt. Nun soll der Mann, der Gas durch Leitungen jagt, einen ganzen Staat durch Heizperiode und Blackout-Saison steuern.

Das ist die Kernfrage, die auf dem Draht liegt. Was ist das tatsächliche Ausmaß der systemischen Schwäche dieses Netzes?

Das Netz hat eine Geschichte, die kein Laie kennt und jeder Ingenieur in Charkiw kennt: Das ukrainische Verbundsystem wurde im sowjetischen Standard gebaut, dann 2022 — mitten im Beschuss — auf europäische Frequenz synchronisiert. Jede solche Umschaltung ist eine Herztransplantation am offenen Herzen. Kraftwerke, die ihr Leben lang auf einen Takt trainiert waren, mussten mit anderen Generatoren kuppeln statt kämpfen. Wer das Netz kennt, weiß: Frequenz kuppelt man nicht mit Appellen. Man kuppelt mit Phasen, mit Spannung, mit Notreserven.

Seitdem: Drohnen auf Umspannwerke, Raketen auf Kraftwerke, Granaten auf Verteilerstationen. Jedes reparierte Kabel ist ein Hoffnungsschimmer für ein paar Wochen. Jedes ausgefallene Werk ist ein Stadtteil ohne Strom, ohne Heizung, ohne Wasserpumpe im Frost.

Koretskys Mandat liest sich wie eine „Versteigerung" — auf Ukrainisch stelldraht. Schutznetze über Masten, gehärtete Anlagen, mobile Generatoren, die dann laufen, wenn das Netz stillsteht. Energie-Inseln. Mikronetze. Jedes Krankenhaus sein eigener kleiner Kraftwerksknotenpunkt. Dafür braucht man Transformatoren, Schaltanlagen, Frequenzumrichter — Geräte, die nicht jeder auf der Welt in der erforderlichen Stückzahl liefern kann.

Und hier beginnt die Frage, die kein Telegramm der Welt beantwortet: Wer liefert die Geräte? Wer zahlt? Wer kontrolliert die neuen Knoten, wenn sie einmal stehen?

Die Ernennung selbst wirft technologische Fragen auf, die zugleich politische sind. Naftohaz-Chef wird Premierminister — das ist ungewöhnlich. Üblicherweise kommt ein Premier aus dem Parlament oder der Ministerialverwaltung. Hier kommt er aus dem einzigen Sektor, der in der Ukraine noch wie ein Staat im Staat funktioniert: die Energie. Die Verschränkung ist gewollt. Koretsky kennt die Infrastruktur, weil er sie seit Jahren unter Druck verwaltet hat. Was er nicht kennen muss, ist Routine eines Regierungschefs.

Aber Routine ist nicht das Problem. Das Problem ist die Steuerung. Wer entscheidet über Lastverteilung, wenn der Verbrauch sinkt? Wer über die Reihenfolge, in der Stadtteile wieder zugeschaltet werden, wenn das Netz zusammenbricht? Wer öffnet die Ventile, wer schließt sie? Wo verläuft die Grenze zwischen Energiepolitik und Regierungspolitik?

Viele dieser Details sind offen. Die Rada hat den Premier. Das Mandat ist benannt. Der Winter ist benannt. Was zwischen Mandat und Winter liegt, bleibt Stille auf den Drähten. Das ist kein Zufall. Das ist die Natur von Infrastruktur unter Beschuss: Wer zu viel verrät, gibt dem Angreifer eine Karte.

Mein Lötkolben zischt. Mein Kaffee ist kalt. Die Frequenz bleibt hoch.

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