Börse 1937
Terminal Tribune

18. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

DEGITALISIERUNG: FORTSCHRITT — UND DIE STILLEN KOSTEN

18. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Im Funkhaus riecht es nach Lötzinn und kaltem Kaffee, und das Klackern der Remington hat seit Wochen einen neuen Rhythmus. Irgendwer hat mir eine Notiz auf den Tisch gelegt: Degitalisierung. Fortschritt. Zwei Versprechen, die in der Redaktion der Terminal Tribune seit Monaten kursieren wie das Sommerfieber.

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Ich habe als Telegraphistin angefangen. Damals, als jede Depesche durch zwei, drei Hände ging, bevor sie auf der Straße lag. Dann kam Funk. Dann Radar. Ich habe gelernt, dass jede neue Technologie drei Väter hat: den, der sie erfindet, den, der sie verkauft, und den, der die Rechnung unterschreibt. Meistens ist das nicht dieselbe Person.

Eine Meldung aus Hessen landete auf meinem Schreibtisch: Kliniken dort machen „Fortschritte bei der Digitalisierung", Akten wandern vom Metallschrank in den Rechner, Röntgenbilder in die Wolke, OP-Pläne ins Rechenzentrum. „Dennoch besteht weiterhin Potenzial für Verbesserungen", schreibt die Techniker Krankenkasse in ihrer Pressemitteilung. Fortschritte. Verbesserungen. Zwei Wörter, in denen kein Mensch mehr vorkommt.

Eine andere Quelle erinnert mich an Gordon Moore. Der Intel-Gründer stellte vor vierzig Jahren sein Gesetz auf: Verdopplung der Chip-Leistung alle zwei Jahre. Das war das Tempo der Digitalisierung, ihr Herzschlag. Dieser Herzschlag stolpert. Das Branchenblatt agrarheute titelt unverblümt: „Der Fortschritt ist eine Schnecke." Eine Schnecke, deren Haltung teuer ist.

Und jetzt steht das Wort „Degitalisierung" in meinem Notizbuch. Degitalisierung. Nicht Digitalisierung. Ein Buchstabendreher, der keiner ist. „De-" — das Präfix für Entzug, für Wegnahme. Was wird hier weggenommen? Fortschritt — das soll der Lohn sein. KI, erneuerbare Energien, Innovation, Forschung, neue Technologien, technische Entwicklung. So liest sich das Programmheft der Parteien, die das Wort mit dem großen F buchstabieren. Es klingt nach Morgenröte. Es klingt nach Dynamik.

Wer kontrolliert das Netz, in dem die Krankenakten liegen? Wer profitiert, wenn ein Chirurg in Frankfurt die Röntgenbilder seines Patienten aus der Wolke abruft, statt aus dem Schrank am Ende des Flurs? Und wer kommt zum Dienst, wenn die Wolke ausfällt — der Techniker oder der Mensch am Bett?

Ein Beitrag des Journalisten Christoph Willeke, der mir zugespielt wurde, formuliert eine Einsicht, die jeder Pressemitteilung vorangestellt sein müsste und es selten wird: „Digitalisierung ist kein Selbstzweck." Richtig eingesetzt, so der Autor, könne sie den Alltag einfacher machen, Chancen öffnen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Einfacher. Chancen. Zusammenhalt. Drei Begriffe, die auf keiner Rechnung stehen.

Ich bin Technologiereporterin. Ich übersetze, was die Drähte flüstern. Was sie flüstern, ist dies: Hinter jeder Maschine, die uns eine Handlung abnimmt, steht ein Mensch, der eine andere Handlung nicht mehr ausführt. Hinter jeder „Degitalisierung" steht ein Vertrag, den zu lesen sich lohnt, bevor wir unterschreiben.

Mein Auftrag bleibt: hinhören, nachfragen, notieren. Wer den Fortschritt verkauft, soll ihn benennen. Wer ihn bezahlt, soll wissen, was auf dem Preisschild steht. Moores Gesetz mag eine Schnecke sein — die Rechnung, die sie bringt, ist es nicht.

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