Einsame Frequenz: Postol liest die Drähte des Waffenhauses
Die Sendung heißt „Armed Madhouse" und sie kommt aus einem Studio, das nach verbranntem Kaffee und zu wenig Schlaf riecht. Theodore Postol spricht dort allein — einer gegen das Rauschen einer Industrie, die Milliarden in Systeme pumpt, deren eigene Tests das Versprechen nicht halten. Der Mann hat Format. Er hat für das Pentagon gerechnet, er hat die Patriot-Bilanzen auseinandergenommen wie ich seinerzeit die morsenden Relaiskabel im Funkraum. Wenn er sagt, die Dinge funktionieren nicht, dann hat er die Zahlen dazu auf dem Tisch.
Worum es geht, in der Übersetzung für alle, die keine Raketentechnik studiert haben: Patriot-Abwehrsysteme, jene flaggschiffartigen Verteidigungsanlagen, die in jeder Pressekonferenz als Schutzschild gegen „Schurkenstaaten" verkauft werden, haben in ihren eigenen Tests eine Trefferquote von etwa fünfzig Prozent gezeigt. Und diese Tests waren gnädig. Bekannte Flugbahnen. Keine realistischen Täuschkörper. Man stelle sich vor, jemand schickt eine Bowlingkugel durch eine Tür und feiert den Treffer, weil die Tür offen stand. So ungefähr.
Postol aber bleibt nicht beim Verteidiger stehen. Er dreht den Spieß um. Seine Argumentation, die er in mehreren Folgen der Reihe ausbreitet, läuft darauf hinaus: Wenn billige Drohnen — vom Schlage der iranischen Shahed — sich mit günstiger Satellitenführung durch den Luftraum bewegen können, dann ist die Logik der teuren Abwehr bereits überholt, bevor der erste Schuss fällt. Die Rechnung ist bestechend. Satelliten sind ubiquitär. Die Endanflugsteuerung einer Drohne kostet heute weniger als das Mittagessen in einem vernünftigen Lokal. Verteidigung aber kostet zehntausendmal mehr als der Angriff. Das ist keine Meinung, das ist Arithmetik.
Die Pointe wird noch schärfer, wenn Postol über menschliche Steuerung spricht. Seine Behauptung: Terminalsteuerung durch einen Menschen am Boden — Augen, Daumen, ein Bildschirm — ließe sich ebenfalls für kleines Geld in solche Drohnen integrieren. Plötzlich wird aus einem dumpfen, langsamen Flugobjekt ein präzises Werkzeug. Die Verteidigungslogik, die auf hohe Kosten für den Angreifer setzte, löst sich in Rauch auf. Was bleibt, ist ein verteilter Schrecken. Nicht eine zentrale Supermacht, die aufrüstet, sondern viele kleine Akteure, die mit Koffern voller Komponenten dasselbe erreichen.
Dann die andere Seite der Sendung: das iranische Nuklearprogramm. Postol legt eine Kette von Zahlen vor, beginnend bei den Beständen an zu sechzig Prozent angereichertem Uran-235, wie sie die Internationale Atomenergiebehörde bei ihren Inspektionen erfasst hat. Von dort rechnet er vorwärts, Zentrifuge um Zentrifuge, und kommt zu dem Schluss, dass die Schwelle zu waffnentauglichem Material näher liegt, als die offiziellen Stellungnahmen suggerieren. Der Teufel steckt in der Kaskade: sechzig Prozent sind keine neunzig, aber die Strecke dazwischen ist technisch kein Ozean, sondern ein Katzensprung.
Was mich an dieser Stimme interessiert — und ich habe genug Stimmen in den Drähten gehört, um zu wissen, welche tragen und welche nur Säuseln sind — ist ihre Einsamkeit. Postol spricht nicht für eine Lobby, nicht für eine Regierung, nicht für einen Auftraggeber. Er spricht, weil er gerechnet hat und die Rechnung nicht aufgeht. In einer Medienlandschaft, in der Rüstungsthemen zwischen Pressemitteilung und Pressemitteilung zerrieben werden, ist das ein Signal. Schwach, aber deutlich.
Die Reihe trägt den Untertitel „Armed Madhouse" nicht zufällig. Ein Irrenhaus, in dem alle bewaffnet sind und niemand zuhört. Ich saß einmal in einem Funkraum, in dem sechs Operatoren gleichzeitig auf derselben Frequenz sendeten — jeder lauter als der andere, keiner hörte den anderen. Das Ergebnis war nur Lärm. Heute sind es nicht sechs Operatoren, sondern sechs Bürokratien, sechs Industrien, sechs Narrative. Postol versucht, eine einzige Frequenz freizuhalten. Ob jemand abnimmt, wird man an den Bilanzen der nächsten fünf Jahre ablesen können.
Bis dahin: zuhören, nachrechnen, die eigenen Quellen prüfen. Das Handwerk ändert sich, die Regel nicht.
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