SPRENGSTOFF ÜBERM ROLLFELD – SPUR NACH MOSKAU
Leipzig/Halle. Zwischen ukrainischen Frachtmaschinen vom Typ Antonow AN-124 liegt eine Drohne mit Sprengstoff. Die Drähte summen. Ich höre zu.
Was passiert ist: Vergangene Woche wurde am Flughafen Leipzig/Halle in unmittelbarer Nähe ukrainischer Transportflugzeuge eine Drohne entdeckt, die nach Recherchen der Tagesschau mit den Sprengstoffen PETN und Semtex bestückt war. Beide Substanzen werden in der Regel im militärischen Bereich verwendet. Ein Flughafenmitarbeiter brachte das Gerät zum Absturz, bevor es Schaden anrichten konnte. Ermittler sicherten am Tatort DNA-Spuren.
Das Material sagt viel. PETN und Semtex sind keine Stoffe aus dem Bastlerkeller. Die Kombination verweist auf professionelle Herstellung, militärische Lieferketten, geschultes Personal. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach vergangene Woche von einer Tat „fremder Mächte" und einem Vorgang, der auf „höchst professionelle Arbeit" hindeute. Die Drohne sei so konstruiert gewesen, dass sie die Sicherheitssysteme des Flughafens umgehen konnte. Bundeskanzler Friedrich Merz äußerte sich bisher nicht zum Vorfall.
Wer steckt dahinter? Nach CORRECTIV-Informationen geht das Bundesinnenministerium intern mittlerweile davon aus, dass Russland als Drahtzieher hinter dem versuchten Anschlag steht. Es gebe „mehrere Ansatzpunkte". Die Redaktion weist selbst darauf hin: Es handelt sich um eine einzelne Quelle, die genannten Ansatzpunkte sind interne Einschätzungen, keine gerichtsfesten Belege. Fakt ist: Eine öffentliche Zuordnung der Täter bleibt aus. Die Beweislage sei noch nicht eindeutig.
Die US-Geheimdienste sind weiter. Nach übereinstimmenden Berichten von Wall Street Journal und CNN schreiben sie die Tat Moskau zu, dem Kreml unter Wladimir Putin. Die russische Botschaft in Berlin wies jede Verantwortung zurück.
Warum die deutsche Regierung schweigt, hat einen Namen. Es herrsche „große Vorsicht", zitiert CORRECTIV aus Regierungskreisen. Würde Russland als Täter benannt, wäre eine neue Bedrohungsstufe erreicht. Die Reaktion darauf müsste politisch erfolgen, und die Beweise müssen vor einer solchen Stufe stehen.
Parallel zur Drohne berichtet CORRECTIV unter Berufung auf mehrere Vertreter westlicher Sicherheitsdienste, dass Russland in der vergangenen Zeit offenbar mehrere professionell ausgebildete Agenten nach Deutschland geschleust habe. Damit vollziehe sich eine Abkehr von den bisher eingesetzten „Wegwerf-Agenten", kurzzeitig angeheuerten Helfern aus dem kriminellen Milieu, die Spionage und Sabotage erledigten. Stattdessen kommen ausgebildete Operateure ins Land. Auch der deutsche Verfassungsschutz beobachtet russische Drohnen-Start-ups in Deutschland mit wachsender Aufmerksamkeit.
Was wir wissen, ist: ein hochprofessionelles Gerät, militärische Sprengstoffe, DNA-Spuren am Tatort, interne Ansatzpunkte in einem Ministerium, eine Quelle, die sich bedeckt hält. Was wir nicht wissen: wer konkret die Drohne gebaut hat, wer sie steuerte, in wessen Auftrag sie zwischen den Antonows landete.
Es bleiben offene Fragen. Der Münchner Sicherheitsexperte Karl-Heinz Uhl sagte der Deutschen Presse-Agentur in Moskau, es gebe Punkte, die eine russische Beteiligung in Zweifel stellten. Westliche Behörden beobachteten russische Agenten streng, eine so komplizierte Operation sei da schwer durchzuführen. Im Raum steht auch die Variante einer Aktion unter falscher Flagge, platziert zwischen den Frachtmaschinen eines kriegführenden Landes.
Die Faktenlage ist gesichert durch den Faktcheck der Redaktion (Martin Murphy). Die Hauptquelle ist CORRECTIV, eine einzelne Quelle für die internen Ansatzpunkte. Solange kein öffentlicher Beweis vorliegt, bleibt die Überschrift eine Frage mit mehreren Sendern.
Frage ist immer: in wessen Händen. Hier liegen die Drähte nahe beieinander. Wer den Preis zahlt, entscheidet sich, sobald die Beweislage trägt.
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