Börse 1937
Terminal Tribune

19. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Milliarden auf dem Papier, Risiko im Portemonnaie: Indiens Kreditfeuer

19. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Ich übersetze. Was aus Chennai, Mumbai und den Bilanzen herüberkommt, klingt zunächst nach Erfolgsmeldung — und ist doch eine Warnung. Die indischen Finanzmärkte zeigen im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 ein Wachstum, das auf den ersten Blick beeindruckt. Beim zweiten Hinschauen wird es beunruhigend.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Repco Home Finance, die Wohnungsbaugesellschaft aus dem Schatten der staatlichen Repco Bank, meldet ein um 8,9 Prozent gewachsenes Kreditbuch: 15.990 Crore Rupien stehen Ende Juni 2026 in den Büchern. Der Nettogewinn kletterte auf 114 Crore, nach 108 Crore im Vorjahresquartal. Die Gesamteinnahmen stiegen um 6,1 Prozent auf 468 Crore, das Nettozinsergebnis sogar um 10,2 Prozent auf 216 Crore. Die Kreditzusagen wuchsen auf 938 Crore, die Auszahlungen auf 843 Crore. Vor zwei Jahren, im Geschäftsjahr 2023, wuchs die Auszahlungsseite noch um 65 Prozent — auf 2.919 Crore. Das Tempo hat sich beruhigt, das Volumen nicht.

Die Kreditnehmer sind — und hier wird es interessant — zu 53,5 Prozent nicht angestellt. Selbständige, Tagelöhner, Kleinstunternehmer. 46,5 Prozent sind Lohnempfänger. Das sind die Leute, die in keiner Lohnstatistik auftauchen, deren Einkommen schwankt wie der Monsun. Ihnen fließt das meiste Geld zu. Wohnungsbaukredite machen 70,8 Prozent des Buches aus, Home-Equity-Produkte 29,2 Prozent. Alles Retail, nichts institutionell.

Die Asset Quality zeigt sich poliert: Die Brutto-NPL-Quote sank von 3,3 auf 2,7 Prozent. Die Brutto-Non-Performing-Assets fielen auf 427 Crore, nach 485 Crore. Das klingt wie die Gesundung eines Patienten. Doch die Netto-NPLs stiegen von 171 auf 194 Crore Rupien. Die Quote verharrte bei 1,2 Prozent — ein magischer Grenzwert, auf den sich die Geschäftsleitung gerne beruft. Die Eigenkapitalquote liegt bei 36,13 Prozent, weit über den regulatorischen 15 Prozent. 210 Filialen, 32 Satellitenstandorte, 12 Bundesstaaten und das Unionsterritorium Puducherry sind das Netz, über das das Geld fließt — und über das es zurückkommen soll.

Die Manappuram Finance, ein weiterer Nichtbanken-Finanzierer, hat im selben Quartal ihren konsolidierten Nettogewinn um 341 Prozent auf 585 Crore gesteigert. Die Branche wächst, weil die Schultern wachsen, die das Geld tragen müssen. Die Frage ist nicht, ob sie es tragen können. Die Frage ist, wie lange.

Tata Motors, derweil, vermeldet einen Nettogewinn von 2.556 Crore Rupien — ein Anstieg von 83 Prozent. 19 Prozent mehr Umsatz, 20.667 Crore. 1.08.700 Fahrzeuge verkauft, 26 Prozent mehr. Doch ein erheblicher Teil dieses Sprungs kommt nicht aus dem Motor, sondern aus der Buchführung: Mark-to-Market-Gewinne auf Investitionen in Tata Capital. Bewertungsgewinne, keine Geschäftswunder. Die Iveco-Übernahme ist in der finalen Genehmigungsphase, eine letzte Freigabe wird bis Ende August erwartet. Das Tender-Angebot soll im September starten, der Abschluss im November erfolgen. Eine schwere Ladung — nicht nur für die Bilanzen, sondern für die Kreditlinien, die dahinter stehen. Mit Freight Tiger hält man inzwischen 63,6 Prozent, nachdem im Mai 2026 weitere 18,1 Prozent für 95,66 Crore zugekauft wurden. So entstehe ein "digitales Ökosystem" für die gesamte Logistikkette, heißt es. Ein schönes Wort. Wer kontrolliert es? Wer zahlt, wenn die Lieferketten nicht mehr liefern?

Black Box, der Dateninfrastruktur-Ausstatter aus dem Essar-Konzern, liefert die vielleicht ehrlichste Bilanz: 1.719 Crore Umsatz, 24 Prozent mehr, 56 Crore Nettogewinn, 18 Prozent mehr. Der Auftragsbestand: 8.986 Crore, ein Plus von 83 Prozent. Dahinter steckt ein 131-Millionen-Dollar-Deal mit einem US-Hyper-Scaler für ein Rechenzentrum in Amerika, der über etwa drei Jahre läuft. Insgesamt liegt der Backlog bei 949 Millionen Dollar — Allzeit-Hoch. Das EBITDA-Wachstum übertrifft das Umsatzwachstum, die Margen dehnen sich um 90 Basispunkte. Das klingt nach Aufwärtsspirale. Es ist auch eine Wette darauf, dass die Cloud, die dort gebaut wird, weiter wächst. Die brasilianische Übernahme 2S treibt das operative Geschäft. Eine Allianz mit AIONOS soll KI-gestützte Infrastruktur skalieren. Im Hintergrund: 386 Crore Rupien aus einer Wandelwandlung, die das Eigenkapital stärkt.

Die Frage, die mir auf dem Lötkolben brennt, während der Kaffee kalt wird: Wessen Schultern tragen das alles? Bei Repco sind es die Selbständigen, die Tagelöhner, die keine Sicherheit haben als ein Dach über dem Kopf. Bei Tata sind es die Lieferketten, die Subventionen, die Versprechen auf eine Zukunft, die noch nicht da ist. Bei Black Box sind es die Stromnetze, die Glasfasern, die Kühlketten, die Cloud-Kunden am anderen Ende der Welt.

Die Zahlen sind elegant. Die Risiken sind es nicht. Ein Kreditbuch, das um 8,9 Prozent wächst, ist entweder Zeichen eines stabilen Aufschwungs — oder ein Symptom dafür, dass immer mehr Menschen den Aufschwung auf Pump kaufen müssen. Die NPL-Quote sinkt, weil die wirklich faulen Kredite noch nicht fällig sind. Das Eigenkapital ist hoch, weil das Risiko noch nicht eingepreist ist.

Die Republik, die 1937 wusste, dass jeder Konjunkturaufschwung seine Schatten wirft, würde diese Bilanzen lesen und fragen: Wer hat das Sagen, wenn die Musik aufhört? Die Aufsicht? Die Manager? Die Rating-Agenturen? Oder jene, die zwischen den Ziffern hindurchsehen müssen, weil ihnen das Summen der Drähte verrät, was die Pressekonferenzen verschweigen.

Ich höre die Frequenzen. Und ich sage Ihnen: Ein Kreditfeuer, das niemand löscht, brennt still, bis es nicht mehr still ist.

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