Starbucks und die zehntausend Muslime: Eine Behauptung ohne Quelle
Ich übersetze. Die Drähte summen. Und auf einer dieser Frequenzen höre ich einen Satz, der seit Jahren durch die amerikanische Presselandschaft geistert wie ein Kurzschluss in einer alten Röhre: Starbucks habe versprochen, zehntausend Muslime einzustellen.
Ich habe nichts gehört.
Kein offizielles Statement des Konzerns. Keine Pressemitteilung. Keine Stellenausschreibung. Keine Rede von Howard Schultz, dem Mann, der das Unternehmen wie einen Wahlkampf führt. Nichts auf der Konzernwebsite careers.starbucks.com, wo 400.000 globale Mitarbeiter als Grundpfeiler der Marke gepflegt werden, von der Bohne bis zur Tasse. Nichts in den kanadischen, türkischen oder amerikanischen Kacheln des Markenauftritts. Keine Muslime. Keine Zehntausend. Keine Verpflichtung.
Was ich finde, ist eine Verwechslung. Eine Verwechslung mit Sprengkraft.
Im Februar 2017 kündigte das Unternehmen an, im Rahmen eines Fünf-Jahres-Programms zehntausend Flüchtlinge einzustellen. "Refugees" steht in der Primärquelle, nicht "Muslims". Der Unterschied ist nicht semantisch. Er ist operativ. Flüchtlinge sind eine rechtliche Kategorie, definiert durch die Genfer Konvention und nationale Asylverfahren. Muslime sind eine Glaubenszugehörigkeit, die rund ein Viertel der Weltbevölkerung umfasst. Wer das eine gegen das andere tauscht, verschiebt die Debatte von Arbeitsmarktpolitik zu Religionskrieg — und das, meine Damen und Herren, ist eine Frequenz, auf der sich gut verdienen lässt.
TriplePundit, ein Fachmedium für nachhaltiges Wirtschaften, dokumentierte den Aufruhr jener Tage. Der Aufmacher einer Kampagne lautete, wörtlich: "While President Trump is working to get Americans jobs, Starbucks CEO wants to hire 10,000 refugees." Dazu der Hashtag: #BoycottStarbucks. Das ist, soweit ich die Archive zurückverfolgen kann, die Geburtsstunde der Verzerrung. Aus "refugees" wurde "Muslims" — zuerst in den sozialen Medien, dann in Talkshows, dann in den Köpfen derer, die ohnehin nur die zweite Harmonische einer Debatte hören.
Ich habe die Archive durchgekämmt. Die Pressestelle des Konzerns schweigt zu meiner Anfrage — was an sich schon eine Aussage ist. Die Karriereseite wirbt mit Stellen für 400.000 Beschäftigte weltweit. Die türkische Dependance preist Tiramisu Velvet Latte und Jasmine Green Tea an, die kanadische verwaltet Rewards-Programme und Geschenkkarten. Keine Muslim-Initiative. Keine Quote. Keine Verpflichtung. Kein Beleg.
Und doch hält sich die Behauptung. Sie wandert durch Facebook-Gruppen, durch Telegram-Kanäle, durch die hinteren Bänke amerikanischer Talkshows. Sie ist ein Gerücht im klassischen Sinn: nicht wahr, aber nützlich. Ihre Halbwertszeit ist bemerkenswert.
Die Mechanik ist altbekannt und gut dokumentiert. Eine ursprünglich korrekte Meldung — ein Unternehmen stellt Flüchtlinge ein — wird entkernt, das Wort "Flüchtling" durch "Muslim" ersetzt, der Rest bleibt stehen. Zehntausend bleibt Zehntausend. Die Empörung skaliert mit der Zahl, nicht mit der Wahrheit. Das ist kein Zufall, sondern ein Bauplan.
Was bleibt, ist ein Präzedenzfall. Ein Konzern, der Flüchtlingen eine Chance gibt, wird zum Feindbild. Eine als human kommunizierte Geste wird zur vermeintlichen Islamisierung umgedeutet. Der Beweis: die anhaltende Sprachlosigkeit der Konzernkommunikation, die diese Verzerrung nie vollständig, nie laut, nie auf allen Kanälen korrigiert hat.
Ich bin Technologiereporterin. Ich schaue, wo das Signal ist und wo das Rauschen. Hier ist das Signal: Es gab keine Verpflichtung zur Einstellung von zehntausend Muslimen. Es gab ein Programm für zehntausend Flüchtlinge. Was daraus wurde, ist ein gutes Beispiel für die Physik der Lüge im 20. Jahrhundert — wenig Energie, hohe Reichweite, langer Nachhall.
Wer das nächste Mal eine Empörung aus einer Papptasse trinkt, sollte prüfen, wer sie eingeschenkt hat. Wer zahlt den Preis, wenn vierhunderttausend Beschäftigte zur Statisterie einer erfundenen Quote werden? Wer profitiert, wenn ein Kaffeeprodukt zur Bühne eines Kulturkriegs wird, der mit dem Produkt selbst nichts zu tun hat?
Die Antwort steht nicht in der Tasse. Sie steht in der Quelle.
Ada Voss, Terminal Tribune
❖ Ende des Artikels ❖
