Was das Met nicht hergibt: Die Hunderte, die niemand sehen will
Die Drähte summen. Diesmal nicht aus Berlin oder London, sondern aus New York, von der Fifth Avenue, wo das Metropolitan Museum of Art seine Hallen für die Öffentlichkeit öffnet und einmal im Jahr den Geldadel der Welt zum Met Gala empfängt. Was die Drähte diesmal tragen, ist keine Glanzmeldung.
Nach einer neuen Analyse des International Consortium of Investigative Journalists hält das Met weiterhin Hunderte Objekte in seiner Sammlung, die einst im Besitz von Personen waren, denen Antiquitätenhehlerei und Plünderung zur Last gelegt werden. Das geschieht, obwohl die Behörden in den vergangenen Jahren Werke im Wert von mehr als 95 Millionen Dollar aus dem Museum sichergestellt haben.
Die Liste der Namen, die in dieser Akte wiederkehren, liest sich wie ein Verzeichnis der Antikenhehlerei. Robert E. Hecht, von Italien wegen Hehlerei angeklagt, 2012 verstorben — er bestritt jede Beteiligung am illegalen Export von Kunstwerken. Subhash Kapoor, von den US-Behörden als „einer der produktivsten Warenschmuggler der Welt" bezeichnet, 2011 in Deutschland verhaftet, später in Indien wegen Hehlerei verurteilt. Douglas Latchford, der im Verdacht stand, eine Schlüsselrolle beim massiven Raubbau an Kambodschas Kulturerbe zu spielen, 2020 verstorben.
Über eintausend Stücke im Katalog des Met, so hatte das ICIJ bereits in früheren Recherchen dokumentiert, lassen sich auf Personen zurückführen, die angeklagt oder verurteilt wurden. Die aktuelle Analyse zeigt: Hunderte davon befinden sich noch immer im Haus — im Besitz derselben Figuren, die den Großteil der bisherigen Sicherstellungen verursacht haben. Hecht, Kapoor, Latchford — die Namen wiederholen sich wie eine Schleife im Tonband.
Was sagt das Haus dazu? Auf Anfrage erklärte das Met, man habe „mehrere Hundert Werke identifiziert, die mit bestimmten Händlern in Verbindung stehen", und prüfe diese „im Rahmen einer umfassenderen Sammlungsrevision". Lucian Simmons, der Leiter der Provenienzforschung, formuliert es in einer E-Mail so: „Das Met will keine gestohlene Kunst in unserer Sammlung. Wir haben umfangreiche Mittel in die Erforschung der uns anvertrauten Werke investiert und unsere Erkenntnisse online und mit Expertinnen und Experten weltweit geteilt. Diese Bemühungen haben zu greifbaren Ergebnissen geführt, einschließlich der Rückführung von Objekten an mehrere Länder."
Das klingt nach Einsicht. Die ICIJ-Analyse zeigt allerdings: Auch nach den Beschlagnahmungen verbleiben Hunderte Objekte im Haus. Das Met verweist auf zwei Stücke aus Hechts früherem Besitz, deren Herkunftsakten „ausgezeichnet" seien. Zwei Stücke. Bei einer Verdachtslage, die in die Tausende geht.
Hier liegt der moralische Knoten, den diese Recherche freilegt. Das Met ist mit 1,5 Millionen Objekten das größte Museum Nordamerikas. Über Jahrzehnte hinweg, so hat das ICIJ bereits dokumentiert, habe das Haus eine „anscheinend unbekümmerte Haltung" gegenüber den Quellen seiner Erwerbungen gepflegt. Wie will eine Institution, die ein solches Erbe verwaltet, diesen Knoten lösen?
Die Antwort, die das Met anbietet, lautet Gründlichkeit. Objekt für Objekt, so heißt es aus dem Haus. Objekt für Objekt, lässt sich erwidern, ist bei einem Bestand von 1,5 Millionen Stücken und einer Verdachtsliste im vierstelligen Bereich ein Verfahren, das Zeit beansprucht. Im März 2024 berief das Met eine ehemalige Sotheby's-Managerin an die Spitze eines neu aufgestellten Provenienz-Teams. Im September 2024, so berichten es die Akten, schied eine Anwältin aus dem Haus aus, die an der Rückgabe geraubter Schätze an Kambodscha mitgewirkt hatte. Das Paradox liegt offen zutage: Dieselbe Institution, die Objekte zurückgibt, hält Hunderte fest.
Die Recherche stellt eine Frage, die das Met bislang nur in Teilen beantwortet: Wie sieht der Plan aus, diese Hunderte Stücke in angemessener Zeit zu prüfen, offenzulegen oder zurückzugeben? Solange das Museum auf jede einzelne Akte verweist und das Gesamtbild im Verborgenen bleibt, bleibt die Provenienzforschung Inventur statt Aufklärung.
Wer kontrolliert die Provenienz? Wer profitiert vom Schweigen? Wer zahlt den Preis? Die Antworten stehen in keinem Ausstellungskatalog. Sie stehen in Depots, die der Öffentlichkeit verschlossen bleiben.
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