Die Rechnung geht nicht auf: Zehn Risse im Tory-Energieplan
London. Ein Report, in Auftrag gegeben von der konservativen Opposition, verspricht das Blaue vom Himmel: billiger Strom durch Gas und Kernkraft, Schluss mit der Netto-Null-bis-2050-Politik, die das Land nach eigenem Bekunden „bankrott" treibe. Verfasst hat ihn der rechtsgerichtete Thinktank Onward. Im Vorwort zeichnet Schatten-Energieministerin Claire Coutinho das Bild eines Stroms, der „Wohlstand und bessere Umwelt" zugleich stifte. Man spare angeblich über 320 Milliarden Pfund.
Klingt nach einem klaren Signal auf einer klaren Frequenz. Was Carbon Brief jetzt in einer Faktenprüfung vorlegt, liest sich wie die Fehlerliste eines überlasteten Umspannwerks: zehn Schwachstellen, die das Fundament dieses Narratives Stück für Stück zerbröseln lassen. Noch ist Vorsicht geboten — eine einzelne Quelle prüft eine parteinahe Veröffentlichung. Doch die Systematik der Fehler lässt sich nicht mehr als Zufall abtun.
Beginnen wir bei der Bilanz. Der Report verspricht sinkende Emissionen durch mehr Elektrifizierung — Wärmepumpen, Elektroautos, saubere Industrie. Die Fachleute um Iain Staffell vom Imperial College London rechnen anders: Das alternative Szenario produziert nicht weniger, sondern 524 Millionen Tonnen zusätzliches CO2 bis 2050, und bremst obendrein die Elektrifizierung von Wärme und Verkehr. Das ist keine Optimierung. Das ist ein Bruch in der Klimabilanz, der jeden Effizienzgewinn auffrisst. Wer „billig" ruft, bekommt „dreckig" geliefert.
Dann die Annahmen, auf denen das Gebäude steht. Gaspreise, die niedrig und stabil bleiben sollen — eine Hypothese, die am realen Marktgeschehen zerschellt wie eine Welle an der Küste. Gas als billiger Kraftwerkstypus? Die Baukosten sind explodiert, die Lieferketten verstopft, die Versorgung politisch wackelig. Kernkraft? Hohe Kosten, endlose Lieferzeiten, ungelöste Entsorgungsfragen — jedem, der je eine Baustelle betreten hat, ist das vertraut.
Die im Report veranschlagten hohen Netzwerkkosten „gehen nicht auf", sagen die Experten. Die Systemintegrationskosten — jene Summen, die nötig sind, um schwankende Erzeuger ins Netz zu integrieren — lägen „weitab vom Mainstream". Das ist Fachjargon für: Die Zahlen wurden zurechtgebogen, damit sie in die gewünschte Geschichte passen. „Schweizer Käse" nennt Staffell das zugrundeliegende Modell — mehr Löcher als Substanz.
Es kommt noch dicker. Die vorgeschlagenen Änderungen untergraben das Investorenvertrauen. Wer seine Klimaziele als Verhandlungsmasse behandelt, riskiert Kapitalflucht — keine Bank finanziert Langfristprojekte auf wackligem Grund. Die angeblichen Einsparungen am Kohlenstoffmarkt sind, so die Fachleute, „nur Dinge in einer Tabellenkalkulation hin- und hergeschoben". Bilanzkosmetik, keine Bilanz. Langzeitspeicher — Wasserstoff, Pumpspeicher, neue Batteriechemien — werden „grob vereinfacht". Wer die Komplexität des künftigen Stromnetzes in ein paar Parabeln presst, hat den Plan nicht begriffen.
Die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen? Hier liegt der eigentliche Sprengkopf. Die Konservativen versprechen Wohlstand durch Billigstrom — die Fachwelt sagt das Gegenteil: Mit realistischen Annahmen kippt das Ergebnis, und Erneuerbare, nicht Gas und Kernkraft, bringen die niedrigsten Gesamtkosten. Jess Ralston vom Energy and Climate Intelligence Unit formuliert es klar: Die Nordsee ist auf Dauer keine verlässliche Quelle. Wer auf Gas wettet, wettet gegen die Geologie.
Doch — und hier mahnt die Vorsicht — diese Gegenstimmen kommen aus dem Umfeld der Klimapolitik. Stimmen aus dem rechten Spektrum, CFACT und Energy Security Freedom, argumentieren spiegelbildlich: Wind und Solar seien nicht billiger, sobald man Systemkosten ehrlich einpreise. Eine Handvoll Organisationen mit bürgerlich klingenden Namen, so der Vorwurf, treibe junge Konservative in die Arme der Erneuerbaren. Die Debatte ist nicht entschieden. Die Zahlen sind es auch nicht.
Aber die Indizien verdichten sich, dass der Onward-Report eher Wahlkampfmunition als Energieplanung ist. Für mich bleibt: Ein Report, der Milliarden verspricht und dabei die Physik ignoriert, ist kein Report. Er ist eine Frequenz, die nur einer hört — und das ist der, der sie bezahlt.
Die Drähte summen weiter.
❖ Ende des Artikels ❖
