Supernova am Pazifik: Warum der Super-El-Niño die Knotenpunkte bedroht
Der Draht nach London summt heute lauter als sonst. Was mir die Klimatechnologen aus Genf, Washington und Tokio auf den Ticker spielen, hat das Format einer Warnung — und ich behandle sie auch so.
Die Meldung im Klartext: Über dem tropischen Pazifik formiert sich ein sogenannter „Super-El-Niño". Er soll nach derzeitigem Stand der Modelle der stärkste werden seit Beginn der systematischen Aufzeichnung. Die Wärmephase des ENSO-Zyklus pumpt Wärmeenergie aus dem Ozean in die Atmosphäre, verschiebt globale Niederschlagsbänder, drückt die Mitteltemperatur nach oben — und trifft, wenn die Prognosen halten, Milliarden Menschen.
Beginn: Juni dieses Jahres. Ende: voraussichtlich erst im Frühjahr 2027. Damit sprengt das Ereignis die übliche Dauer von neun bis zwölf Monaten, die Klimaarchive als Normalfall verzeichnen.
Eine einzige Quelle treibt derzeit die Schlagzeilen: Carbon Brief, ein britisches Klimaanalyse-Portal, hat mit einem interaktiven Erklärstück das Narrativ gesetzt, an dem sich die internationale Berichterstattung entlanghangelt. Ich habe den Text dreimal gelesen. Was mir auffällt: Es ist eine Erklärung, keine Messung. Eine Projektion, kein Fakt. Die Wörter „erwartet", „soll werden", „projiziert" stehen dort wie Warnschilder — und ich frage mich, wer die Lampen an diesen Schildern bezahlt.
Zur Mechanik, weil viele Leserinnen und Leser die ENSO-Kippe nicht im Kopf haben: Der El-Niño-Southern-Oscillation-Zyklus ist ein natürliches Pendel im äquatorialen Pazifik. Drei Phasen — warm (El Niño), kalt (La Niña), neutral. Das Pendel schlägt alle zwei bis sieben Jahre aus. Soweit nichts Neues. Die Behauptung allerdings, das aktuelle Ereignis werde das intensivste seit Aufzeichnungsbeginn — das ist eine Prognose auf Basis von Modellen, deren Validierung an genau diesem Extremfall scheitern muss. Ich traue den Modellen, soweit ich ihrem Programmierer traue. Mehr nicht.
Zur Korroboration: Das World Resources Institute hat Anfang Juli nachgelegt, The Guardian bereits im April, ein Industriebrief aus Brüssel in der vergangenen Woche. Drei weitere Stimmen, die das Narrativ verstärken — aber keine unabhängige Messung des Phänomens selbst. Das ist methodisch entscheidend, weil die Schlagzeilen suggerieren, hier werde berichtet. In Wahrheit wird hier wiederholt.
Jetzt zur Frage, die mich nicht loslässt: Was bricht eigentlich, wenn das Wetter sich so verhält, wie die Modelle behaupten?
Stromnetze zuerst. Ein El Niño verschiebt Niederschläge regional. Wo Dürre ausbricht, trocknen Kühlwasserreservoire für thermische und nukleare Kraftwerke aus — Frankreich 2003, Brasilien 2015, beides Vorboten. Wo gleichzeitig Starkregen fällt, knicken Überlandleitungen, fluten Umspannwerke. Die großen Rechenzentren an der US-Westküste und in Singapur arbeiten bereits am Rand ihrer Kühltoleranz — jeder Grad Mehrbelastung zwingt zu Mehraufwand. Wenn die pazifische Wärme nun den asiatischen Monsun verschiebt, sehen wir in Indien, Vietnam, Bangladesch möglicherweise Hitzewelle und Überschwemmung gleichzeitig — an gegenüberliegenden Enden desselben Versorgungsnetzes.
Agrarversorgung als zweiter Knoten. Weizen, Reis, Soja, Mais, Kakao — Grundnahrungs- und Rohstoffe, deren Anbau in den Tropen und Subtropen konzentriert ist. Ein verschobenes Regenband bedeutet verschobene Aussaat, verschobene Ernte, verschobene Lieferverträge. Das bedeutet Preissprung an den Warenterminbörsen in Chicago und Kuala Lumpur. Das bedeutet, dass Lebensmittelkonzerne und Hedgefonds, die bereits Positionen halten, in den kommenden Monaten die Lieferketten kontrollieren werden. Ich höre die Kabel zwischen den Handelsplätzen bereits warm laufen.
Technologiezentren als dritter. Halbleiterfabriken in Taiwan, Südkorea, Japan, den Vereinigten Arabischen Emiraten — sie alle verbrauchen Wasser im industriellen Maßstab. Taiwan erlebte 2021 eine Dürre, die die Chipfertigung in den Waferwerken direkt bedrohte. Ein Super-El-Niño, der den asiatischen Wasserkreislauf neu sortiert, ist eine direkte Bedrohung für genau jene Lieferketten, von denen jede Telefonistin, jeder Telegraphist, jede Funkstelle auf diesem Kontinent abhängt. Wenn dort die Produktion stockt, stockt auch das Material, mit dem ich diese Kolumne tippe.
Drei Sektoren. Drei Knotenpunkte der globalen Versorgung. Wenn auch nur einer reißt, fällt die Spannung an den anderen — das ist die Definition von Systemrisiko. Genau das macht einen Super-El-Niño gefährlicher als ein gewöhnliches Wetterextrem: nicht die einzelne Dürre, nicht die einzelne Flut, sondern die Gleichzeitigkeit.
Was mir Sorge macht: Die Prognose steht auf einem einzigen Erklärtext. Sie wird multipliziert durch Medien, die Klicks brauchen. Sie wird geglaubt von Regierungen, die sich auf das Schlimmste vorbereiten müssen — und gleichzeitig von Märkten, die auf das Schlimmste spekulieren. In diesem Vakuum entsteht eine Erwartungshaltung, die sich selbst verstärkt. Wer den Warnruf zuerst ausstößt, kontrolliert die Agenda. Wer die Agenda kontrolliert, kontrolliert am Ende die Preise.
Mein Rat an die Leserinnen und Leser der Terminal Tribune: Behandeln Sie den Super-El-Niño als das, was er ist — eine seriöse Prognose auf unsicherer Datenbasis. Bereiten Sie sich vor, als wäre er real. Aber glauben Sie niemandem, der Ihnen die Zukunft verkauft, ohne Ihnen die Methoden zu zeigen.
Ada Voss Ressort Technologie, Terminal Tribune
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