VIER MINUTEN LÖTZINN UND EIN KÖNIG IM MANNLOCH
Mexico City, datiert auf die Stunden nach dem 8. Januar 2016. Ein Mann steigt aus dem Untergrund. Schlamm an den Stiefeln, Wasser in den Adern. Joaquín Guzmán, genannt El Chapo, kommt durch einen Kanalschacht ans Licht der Stadt Los Mochis, Sinaloa — und das Licht, das ihn fortan begleitet, ist das der Kamera.
Die mexikanische Zeitung El Universal hat jetzt vier Videos veröffentlicht. Nie zuvor gesehenes Material aus den ersten Stunden nach der Festnahme des Sinaloa-Kartell-Gründers. Man sieht ihn beim Waschen. Er bittet um Seife. Ein Polizist legt seine Hände unter den Spender. „Es wird nicht in meine Augen gelangen, oder?“, fragt der Mann, der Dutzende Tonnen Kokain über die Grenze schob. Der Beamte antwortet ruhig: „Besser nicht.“ Dann darf er das schlammverkrustete Tanktop ausziehen.
Ein zweites Video zeigt ihn abgemagert und in Handschellen, auf dem Rücksitz eines Fahrzeugs. Auf die Frage, ob man ihn misshandelt habe, antwortet er schlicht: „Nein.“ In Mexiko-Stadt verhört, gibt er zu Protokoll: „Ich habe mich dem Marihuana-Anbau gewidmet, dem Schmuggel seit meiner Jugend, aber nicht dem Diebstahl.“ Routiniert. Gefasst. Wie ein Geschäftsmann nach einer Verhandlung mit unerfreulichem Ausgang.
Das Bemerkenswerteste steht im dritten Video. Der Mann, dessen Organisation am 17. Oktober 2019 Culiacán in ein Schlachtfeld verwandeln wird, um seinen Sohn Ovidio Guzmán López aus kurzzeitiger Haft zu befreien — dieser Mann sagt den Militärs ins Gesicht: „Es ist nicht ratsam, dass Leute gegen die Regierung kämpfen.“ Er habe seinen Leuten eingeschärft: Falls er eines Tages scheitere, keine Konfrontation mit der Polizei. Kein Krieg. Gar keiner. „Ich bin sicher, dass es keinen Krieg geben wird.“ Drei Jahre später brennt Sinaloa.
Ein viertes Video zeigt ihn und seinen Leibwächter Orso Iván Gastelum, genannt El Cholo Iván, in einem Flugzeug, Köpfe bedeckt. Auf dem Weg in die Auslieferung an die Vereinigten Staaten.
Vier Aufnahmen. Zusammen vielleicht zehn Minuten. Vierhunderttausend Dollar Produktionswert, schätze ich. Was sie wirklich kosten, ist die Frage, wer sie besitzt, wer sie sichtet, wer sie veröffentlicht — und welche zehn Sekunden davon morgen in einer anderen Erzählung wieder auftauchen.
Ich sitze an meinem Schreibtisch, das Lötzinn dampft noch vom Lötkolben, eine Tasse Kaffee kalt wie Draht im Winter, und denke an Marion Stokes.
Stokes war Aktivistin, schwarz, TV-Produzentin, eine Frau, die 1975 einen Betamax-Rekorder kaufte und beschloss: Wenn die Sender ihr eigenes Material löschen, um Speicherplatz und Geld zu sparen, dann muss jemand anderes es behalten. Sie zeichnete auf. Zwei, später drei, schließlich acht Videorekorder parallel, rund um die Uhr, neun Sender gleichzeitig. Sie fing 1979 richtig an, als die Iran-Geiselnahme die Bildschirme füllte und CNN gerade auf Sendung ging, das Tor zur 24-Stunden-Nachrichtenwelt.
35 Jahre lang. Bis zu ihrem Tod am 14. Dezember 2012, während Sandy Hook über alle Kanäle lief. 71.000 Bänder, heißt es in der Dokumentation „Recorder: The Marion Stokes Project“. Neun zusätzliche Wohnungen nur für die Lagerung. Eine Frau, die mit acht Magnetbandmaschinen gegen das Vergessen anrannte.
Was auf sozialen Netzwerken kursiert, sind andere Zahlen: 300.000 Stunden Material. Auf TikTok, Reddit, Threads verbreitet. Snopes hat nachgehakt. Das Ergebnis: Mischung. Was wahr ist — Stokes hat mehr als 70.000 Bänder bespielt, mehr als drei Jahrzehnte lang. Was unbestimmt bleibt — die exakte Stundenzahl. Niemand hat die Bänder vollständig gesichtet. Niemand kann es bisher.
Ich schreibe das nicht, um die Aktivistin kleinzureden. Ich schreibe es, weil die Zahl zählt. Eine Frau, die entscheidet, dass Aufzeichnung selbst politisch ist, dass das, was Sender wegwerfen, Geschichte sein könnte — das ist ein Akt. Aber eine Zahl, die nicht stimmt, ist auch ein Akt. Eine Geste in die andere Richtung.
Im Dokumentationsdschungel der Gegenwart verschwimmen beide. 71.000 Bänder oder 300.000 Stunden — Stokes hat aufgezeichnet, was Institutionen wegwarfen. El Universal hat veröffentlicht, was Behörden zehn Jahre unter Verschluss hielten. Beide Vorgänge sagen dasselbe: Wer die Kameras kontrolliert, kontrolliert die Erinnerung. Wer die Archive füllt, füllt die Zukunft mit dem Material der Gegenwart.
Vier Videos, zehn Minuten, ein König, der aus dem Abwasser kam und den Boden unter den Füßen verlor. Marion Stokes, die in Philadelphia neun Wohnungen mit Bändern füllte, weil das Fernsehen sich selbst vergessen wollte. Dazwischen — nichts als Drähte. Und die Frage, wem sie gehören.
Der Kaffee wird nicht mehr warm werden. Ich gehe zurück an die Tasten.
— Ada Voss, Terminal Tribune
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