Schauspieler reden, Akten sterben
1937. Die Drähte summen. Ich übersetze.
Zwei Geschichten kreuzen sich auf meinem Schreibtisch. Die erste handelt von Schauspielern, die lachend erklären, warum ihre Sendung nicht so absurd wurde wie eine andere. Die zweite handelt von einer Reporterin, die monatelang auf eine einfache E-Mail wartet. Beide handeln, hört man genau hin, über dasselbe: über die Architektur dessen, was wir Realität nennen.
Beginnen wir mit dem Lärm.
Die Darsteller der Netflix-Serie „Outer Banks" haben sich zu Diskussionen ihrer Fangemeinde geäußert, ob die Produktion im Laufe ihrer fünf Staffeln „riverdaleifiziert" worden sei — ein Kofferwort aus dem Namen der CW-Serie „Riverdale" und dem Suffix „-ifiziert", das das allmähliche Abgleiten einer Show in immer irrwitzigere Premisen beschreibt. Chase Stokes und Jonathan Daviss erklärten dem Branchenmagazin Decider im Gespräch über die fünfte und letzte Staffel, sie seien erleichtert, dass ihre Pogues nie das Schicksal der Figuren aus „Riverdale" ereilt habe.
„Zum Glück hat uns kein Komet getroffen und uns in die Vergangenheit geschickt wie Riverdale", witzelte Stokes. Daviss ergänzte eine Anekdote über seine Kollegin Camila Mendes, die ihm während der Dreharbeiten zu „Do Revenge" die Augen geöffnet habe: „Mein Charakter hat Schleimkräfte, JD. Oh, du suchst schon wieder nach Schätzen? Du hast recht. Ich halt jetzt die Klappe."
Der Kontrast, den die Darsteller ziehen, ist bemerkenswert, weil er genau das Phänomen benennt, das er zu widerlegen vorgibt. In den letzten Staffeln von „Riverdale" hatten die Macher ein alternatives Universum namens „Rivervale" eröffnet, in dem Hexen und Geister ihr Unwesen trieben. „Outer Banks" habe sich, so die Selbstaussage des Casts, nie in diese Richtung bewegt. Das schlimmste Vergehen der Serie sei die Suche nach einer fiktiven Reliquie, der „Blue Crown", die JJ wiederbeleben soll.
Madelyn Cline, dritte im Bunde, steuerte Erinnerungen an Drehszenen bei, in denen die Pogues auf der Flucht in jener Manier agierten, die sie selbst als „Scooby-Doo-Stil" beschrieb: hierhin laufen, dorthin ausweichen, aus einer Gasse springen, dem Feind ins Gesicht blicken, in die Gegenrichtung fliehen.
So weit, so vorhersehbar. Das ist das Rohmaterial, aus dem Klatschspalten bestehen, und in diesen Tagen füllt es mehr bedruckte Fläche als je zuvor. Es ist Handwerk. Es ist Inszenierung. Es ist das, was die Branche sich selbst erzählt, damit sie weitergehen kann zur nächsten Staffel, zum nächsten Streaming-Deal, zur nächsten Titelgeschichte.
Nun das zweite Stück.
Eine Reporterin von ProPublica schildert, was mit dem Freedom of Information Act in den Vereinigten Staaten geschehen ist, seit Elon Musks Department of Government Efficiency Anfang 2025 durch die Behörden fegte. Sie selbst hat über Jahre Listen politischer Ernannter aus beiden Trump-Administrationen angefordert und ihre finanziellen Offenlegungspflichten in durchsuchbare Datenbanken überführt. Das Material stammte wesentlich aus dem Office of Personnel Management, OPM, das das Verzeichnis der Bundesbeschäftigten führt.
Dann kam DOGE. Und dann das Chaos.
Die Reporterin schildert, wie eine einst simple Anfrage per E-Mail, mit einer knappen Beschreibung der gewünschten Dokumente, heute zu einem „kafkaesken Spiel" geworden sei. Im Juli dieses Jahres sei sie zwischen drei offensichtlich verwaisten Postfächern und zwei Webportals hin- und hergeleitet worden. Ihre früher routinehaften Anfragen dümpeln monatelang vor sich hin.
Ein ehemaliger FOIA-Spezialist bei OPM schrieb ihr im Februar 2025 per E-Mail: „Die haben das ganze Privacy-Team gehen lassen." Am nächsten Tag wurde er selbst entlassen.
Die Zahlen sind nicht zu ignorieren. Laut OPM-Daten haben seit Beginn der zweiten Trump-Administration mehr als 600 Informationsspezialisten — jene Beschäftigten, die FOIA und den Privacy Act verwalten — gekündigt oder wurden gefeuert. Innerhalb des OPM selbst verließen 12 Spezialisten die Behörde, 7 davon wurden entlassen. Ein einziger neuer Mitarbeiter wurde eingestellt. Am Ende des Haushaltsjahres 2025 stapelten sich über 1.600 FOIA-Anfragen im Rückstau der Behörde, siebenmal mehr als am Ende des Haushaltsjahres 2024. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit einer einfachen Anfrage bei OPM rutschte auf über 84 Tage, das Doppelte des Vorjahres.
Selbst das Login-System streikt. Als die Reporterin im Juli eine Anfrage für Personaldaten stellen wollte, klickte sie auf „log in" und erhielt: „Beim Verarbeiten Ihrer Aktion ist ein Fehler aufgetreten." Die angegebene Hilfe-Adresse, die auf eine Firma namens AINS verwies, existierte nicht mehr. AINS heißt inzwischen Opexus. Opexus hat nach einem Bloomberg-Bericht über 50 Millionen Dollar an Bundesaufträgen erhalten und steht wegen lascher Cybersicherheit in der Kritik.
Sie sehen den Bogen.
Auf der einen Seite ein Promi-Interview, in dem Darsteller erklären, dass ihre Sendung nie so wild wurde wie eine andere und dass die schlimmsten Szenen im Scooby-Doo-Stil abliefen. Auf der anderen Seite der dokumentierte Zerfall eines Instruments, das in einer Demokratie den Zugang zu Informationen sichert. Oben Glitzer, unten Rost.
Was mich nicht loslässt, ist die Frage, die in den Quellen am Rand steht. Jemand, der über den Decider-Artikel hinaus forschte, stellte die simple, fast naive Frage: ob irgendjemand auf FOIA-Anfragen reagiere. Das klingt wie ein Hilferuf aus einem Chatforum. Es ist die zentrale Frage unserer Zeit. Wenn eine Behörde, die FOIA-Anfragen bearbeiten soll, ihre Belegschaft verliert, ihre Portale umbenennt und ihre E-Mail-Adressen verwaisen lässt, dann antwortet niemand. Nicht weil die Antworten geheim wären, sondern weil der Apparat, der sie herausgeben könnte, nicht mehr existiert.
Die Journalistin hat ihre Geschichte. Sie hat Quellen, Zahlen, Zitate, einen ehemaligen FOIA-Spezialisten, einen Bloomberg-Verweis auf 50 Millionen Dollar an Opexus-Verträgen. Das ist solides Handwerk. Der Rest wartet.
Die „Outer Banks"-Darsteller werden weitersegeln, in eine sechste Staffel vielleicht. Sie haben ihren Lacher. Wir haben eine Szene, in der jemand über Schleimkräfte spricht, während eine andere, viele Stockwerke tiefer, still verschwindet.
Ada Voss meldet sich ab, bis die Drähte wieder summen.
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