Grüne Revolution in Afrika: Gates-Milliarden, keine Ernte
Die Drähte summen. Diesmal keine Funksprüche von der Front, sondern Zahlen. Harte, kalte Zahlen, die niemanden fragen, ob die Person, die sie liest, einen Rock oder eine Hose trägt. Sechshundert Millionen Dollar. Knapp eine Milliarde insgesamt. Und dahinter — Ernten, die nicht kommen. Eine Revolution, die keine ist.
Im Jahr 2006 wurde die Alliance for a Green Revolution in Africa aus der Taufe gehoben. Zwei Stifter traten vor die Weltöffentlichkeit, jeder mit einem Namen, der Gewicht hat: die Bill & Melinda Gates Foundation und die Rockefeller Foundation. Das Versprechen war gewaltig, fast prophetisch. „Tens of millions of people out of extreme poverty", hieß es in den Ankündigungen. Hunger sollte „signifikant" reduziert werden. Zehn Millionen kleinbäuerliche Familien, so die Pläne, sollten in den Genuss verbesserter Erträge kommen. Afrika sollte grün werden — im doppelten Sinne. Grüne Felder. Grüne Bilanzen.
Fast zwei Jahrzehnte später liegt das Ergebnis auf dem Tisch. Und das Ergebnis ist Missernte. Recherchen, die jetzt durch die Leitungen sickern, legen offen, was afrikanische Kleinbauern längst wissen: AGRA scheitert. Die Revolution, die eine Revolution sein sollte, düngt am Ende nur sich selbst. Inzwischen trägt die Organisation schlicht den Namen AGRA — das Wörtchen „Green" ist aus dem Marketing verschwunden, als habe man sich für die Wahrheit geschämt. Der Auftrag ist geblieben. Die Resultate sind ausgeblieben.
Die Finanzierung liest sich wie ein Bilanzbericht aus einer Bank, die längst geschlossen ist. Von den knapp einer Milliarde Dollar, die AGRA bisher erhielt, stammen rund zwei Drittel — über sechshundert Millionen Dollar — allein von der Gates Foundation. Der Rest? Er kommt aus den öffentlichen Kassen. Steuerzahler in den Vereinigten Staaten, in Großbritannien, in anderen Geberstaaten. Afrikanische Regierungen? Afrikanische Stiftungen? Afrikanische Privatkapitalisten? Nichts, das ins Gewicht fällt. Kein afrikanischer Geldgeber, der mit am Tisch sitzt, wenn die Weichen für die Landwirtschaft eines ganzen Kontinents gestellt werden. Kein afrikanischer Bauer, der gefragt wird, was auf seinem eigenen Feld wachsen soll.
Das ist das Modell. Stiftungen im Norden diktieren, was im Süden wachsen soll. Hybridsaatgut, das nach jeder Saison neu gekauft werden muss, weil es nicht mehr selbst nachzüchtbar ist. Düngemittel, die importiert werden — oft subventioniert durch ebendiese Programme, oft nicht, immer abhängig. Schulungen, die von externen Beratern kommen, die das Land kennen wie ich die Tastatur meines Telegraphen — flüchtig, im Vorbeigehen. Was bleibt, ist ein Kreislauf: afrikanische Bauern werden zu Konsumenten westlicher Agrarindustrie. Lokales Saatgut verschwindet. Lokales Wissen verschwindet. Und am Ende der Kette steht nicht der Bauer, sondern das Unternehmen, dem er sein Saatgut abkauft.
Hintergrundarbeiten wie das Papier „Failing Africa's Farmers" haben den Grund für die Kritik gelegt. Sie zeigen, was die Hochglanzbroschüren verschweigen: dass die Programme die kleinbäuerliche Struktur nicht stärken, sondern untergraben. Dass Agribusiness-Konzerne gewinnen, während die Bauern verlieren. Kritische Publikationen folgten. Die Gates Foundation fördert weiter. Die Rockefeller Foundation fördert weiter. Die afrikanischen Kleinbauern — die eigentlichen Adressaten des Versprechens — warten weiter auf die Ernte, die ausbleibt.
Die Rhetorik ist Hilfe. Die Struktur ist Abhängigkeit. Das Ergebnis ist Missernte. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Eine Revolution, die nicht die Verhältnisse umstürzt, sondern sie verfestigt. Eine Hilfe, die nicht befreit, sondern bindet. Eine Investition, die wachsen lässt — nur nicht dort, wo sie soll.
Wer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert die Ernte. Wer die Ernte kontrolliert, kontrolliert den Markt. Und wer den Markt kontrolliert, braucht keine Revolution mehr — nur noch die ruhige, freundliche Verwaltung des Bestehenden. In westlichen Hauptstädten, in Stiftungsräumen, in Konzernzentralen.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Aber die Zahlen, die heute über den Draht kamen, sind heiß. Sechshundert Millionen Dollar schwer. Und sie wiegen nichts.
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