Börse 1937
Terminal Tribune

26. August 2026

Dossier · Migration & Asyl

200.000 Visa vor der Streichung – die größte Massenaufhebung der US-Geschichte

26. August 2026 — — M. Silber

Washington. Die Vorbereitungen laufen. Das US-Außenministerium bereitet den Widerruf von bis zu 200.000 B1- und B2-Visa vor. Ausgestellt zwischen 2016 und 2026. Ausgestellt an Menschen, die anschließend Asyl beantragt haben oder gerade beantragen. Es wäre die größte Massenstreichung von Visa in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Größer als alles, was dieses Land je an Papieren für ungültig erklärt hat.

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Die Zahl steht in internen Dokumenten des State Department, an die Associated Press und zwei anonyme Regierungsvertreter gekommen sind. Das Außenministerium koordiniert die Aktion mit dem Department of Homeland Security. In den kommenden Wochen soll die Ankündigung folgen — sofern kein Gericht dazwischenfunkt.

Sprecher Tommy Pigott formuliert den Satz, den man sich merken muss: „Wir koordinieren mit DHS, um die Nicht-Einwanderungsvisa von Ausländern zu identifizieren und zu widerrufen, die in die USA gekommen sind und behauptet haben, Kurzzeitbesucher zu sein, dann aber Asyl beantragen, um dauerhaft zu bleiben."

Die Zahl „bis zu 200.000". Und dann die zweite Zahl. Pigott verweigert die Bestätigung einer Obergrenze. Die Streichungen erfolgten „auf rollierender Basis", die Gesamtzahl bleibe „dynamisch". Was offiziell als konkretes Limit verkauft wird, ist in der Sprache des Ministeriums ein bewegliches Ziel. Die reale Zahl kann über 200.000 liegen — sie kann auch darunter liegen, niemand sagt es. Das ist die erste Lücke in der offiziellen Darstellung.

Die zweite Zahl, die niemand nennt: zehn Jahre. Zwischen 2016 und 2026. Zehn Jahre ausgestellter Visa, die jetzt rückwirkend durchforstet werden. B1 ist Geschäftsreise. B2 ist Tourismus, Familienbesuch, medizinische Behandlung. Wer eines dieser Visa bekam, musste bisher nachweisen, dass er plant, in sein Herkunftsland zurückzukehren. Wer dann Asyl beantragte, hat diesen Nachweis — per Definition — gebrochen. Oder er hat ihn nie erbracht, weil das Asylverfahren ihn rettete. Beides gilt jetzt als Vergehen gegen die ursprüngliche Einreiseabsicht.

Stellvertretender Außenminister Christopher Landau hat die Linie am Montag auf X gezogen: „Asylum ist nicht dazu da, das Einwanderungsrecht zu umgehen." Die Menschen in den USA und überall seien „fed up with bogus asylum claims", der Schein-Asyl-Anträge müde. Wer Asyl sagt, sagt erstmal Betrug. So einfach macht Landau das. Die Grauzone, in der sich Asylverfahren über Jahre hinziehen, kommt in dieser Lesart nicht mehr vor.

Die Konsequenz ist — und das muss man genau lesen — nicht die sofortige Abschiebung. Die meisten der Betroffenen haben laufende Asylverfahren. Sie werden umkategorisiert. Sie verlieren ihren Status als Geschäfts- oder Touristenreisende. Was bleibt, ist ein Aufenthalt ohne Boden unter den Füßen, ein Papier, das nirgends mehr greift.

Rechtliche Herausforderungen werden erwartet. Die Frage, die jetzt durch die Kanzleien Washingtons läuft: Welche konkrete Rechtsgrundlage trägt den kollektiven Rückgriff auf zehn Jahre ausgestellter Visa? Der Visa-Widerruf ist Verwaltungsakt, keine Strafe — aber welche individuelle Prüfung findet statt, wenn 200.000 Akten auf einmal durchgesehen werden? Was passiert mit Familien, deren Kinder zwischen 2016 und 2026 in den USA geboren wurden, deren Asylverfahren seit Jahren laufen, deren Anwälte Fristen halten, deren Arbeitgeber auf sie zählen?

Es gibt keine Namen in dieser Geschichte. Noch nicht. Es gibt Aktenzeichen und Bearbeitungsnummern und ein Datum, an dem die Streichung wirksam werden soll. Es gibt Leute, die in Zahnarztpraxen arbeiten, in Lagern, in Pflegeheimen, in Küchen. Es gibt Kinder, die in amerikanischen Schulen Englisch sprechen, mit Akzent, aber ohne Stocken. Es gibt Mütter, die nicht wissen, was sie ihren Kindern sagen sollen, wenn die nächste Mitteilung kommt.

1937. Die Grenzen werden dichter. Ich zähle die Menschen davor.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 3 von 5 Behauptungen belegt
  1. ZAHL US-Administration plant, bis zu 200.000 Visa zu widerrufen

    im Titel der Quelle gefunden

  2. ZAHL Zielgruppe umfasst B1 und B2 Visumsinhaber mit Ausstellung zwischen 2016 und 2026

    im Quelltext gefunden

  3. ZITAT Revocation would be largest in US history

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  4. ZITAT Revocation aims to deter foreigners from seeking asylum in the US

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  5. ZAHL Bis zu 200.000 Menschen könnten von dieser Politik betroffen sein

    im Titel der Quelle gefunden

Herangezogene Quellen

5 Quellen · 3 davon belegt · 4 externe Belege · 5 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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