Karten lügen, Maschinen lügen: Vertrauen stirbt zuerst
Im Korridor zwischen Tastatur und Bildschirm geht gerade etwas zu Bruch, das wir uns selten leisten konnten: das Vertrauen, dass eine Maschine uns nicht absichtlich in die Irre führt. Zwei Funde — einer über gefälschte Nachrichten, erstellt mit ChatGPT und anderen KI-Chatbots, einer über fehlerhafte Velorouten in Navigations-Apps — zeigen dasselbe Muster. Beide Male verspricht das Werkzeug Hilfe. Beide Male liefert es Täuschung.
Die Recherchestelle CORRECTIV hat die vier meistgenutzten KI-Chatbots in Deutschland auf die Probe gestellt: ChatGPT von OpenAI, Gemini von Google, Meta AI und Copilot von Microsoft. Die Journalisten baten die Systeme, gefälschte Medienbeiträge zu erstellen — über angebliche Rücktritte des Bundeskanzlers, einen Regierungsumsturz, eine Kriegserklärung Russlands, Falschbehauptungen zu Klimawandel, Impfstoffen und Wahlbetrug. Mit Logo, Verweis auf die App, im Design der Tagesschau. Ergebnis: ChatGPT lieferte die überzeugendsten Fakes und schnitt besonders schlecht ab, weil seine Schutzmechanismen mit einfachen Umgehungen auszuhebeln waren. Auch bei sensiblen Themen.
Das ist kein Laborunfall. Auf TikTok, X, Instagram und Facebook kursierte bereits ein KI-generierter Tagesschau-Beitrag, der Russland in einen Anschlag hineinlas. Logo, App-Verweis, vermeintliche Eilmeldung — alles Fälschung, offenbar mit ChatGPT erstellt. Wer das in der U-Bahn auf dem Telefon sieht, hat keine zwei Sekunden für die Wahrheit.
Parallel hat der TCS, der Touring Club Schweiz, Veloroutenplaner getestet: Google Maps, Apple Maps, Bikemap, Komoot, Osmand, Schweizmobil. Gemessen wurde, wie sicher die vorgeschlagene Route ist. Führt sie über Velowege und Quartierstrassen? Oder schickt sie Radfahrende über stark befahrene Hauptstrassen ohne Veloinfrastruktur, oder über Abschnitte, auf denen das Velo geschoben werden muss, etwa wegen eines Fahrverbots? Sieger: Bikemap. Apple Maps enttäuschte in der Stadt, unter anderem wegen einer Strecke durch ein Fahrverbot. Bei Schweizmobil fehlt die Adress-Eingabe, getestet wurde nur über Land. Geprüft wurde nicht für Routiniers, sondern für E-Bike-Fahrende, denen eine sichere Strecke wichtig ist.
Man kann das kleinreden. Eine App, die Radfahrende falsch leitet, nervt. Ein gefälschter Nachrichtenbeitrag imitiert eine Redaktion, die es seit Jahrzehnten gibt, und untergräbt sie. Beides ist unangenehm. Aber beide Phänomene haben dasselbe Skelett: Eine Technologie wird gebaut, verkauft und genutzt mit dem Versprechen, Orientierung zu liefern. Die Orientierung ist fehlerhaft. Die Konsequenzen reichen von einem Schrecken im Straßenverkehr bis zu einem destabilisierten Diskurs.
Dass CORRECTIV seine Recherche offenlegt — Methodik, getestete Chatbots, acht verschiedene Falschbehauptungen — ist kein Selbstzweck. Wer behauptet, dass die Maschine lügt, muss beweisen, dass er ordentlich hingeschaut hat. Das gilt auch für eine Zeitungsseite wie diese. Fact-Checking ist kein Marketingbegriff, sondern das Mindeste, was eine Redaktion den Lesenden schuldet. Wenn die Schutzmechanismen der großen KI-Konzerne schon bei einem routinierten Test versagen, dann sind sie im Alltag noch weniger verlässlich. Genau das hat auch eine Analyse der EBU im Oktober 2025 festgestellt: KI-Tools wie ChatGPT verfälschen oft Nachrichten — fast jede zweite Antwort enthielt schwere Fehler.
Die Konsequenz ist nicht, die Maschine zu verbieten. Die Konsequenz ist, sie nicht mehr naiv zu benutzen. Wer eine Route plant, vergleicht den Plan mit dem Bildschirm. Wer einen Beitrag liest, prüft Absender und Quelle, bevor er weiterleitet. Wer ein Werkzeug einsetzt, fragt zuerst: In wessen Händen ist es, und wem nützt der Fehler?
Vertrauen stirbt nicht laut. Es stirbt in dem Moment, in dem wir aufhören, nachzufragen.
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