Börse 1937
Terminal Tribune

26. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Postident sammelt Gesichter — wem gehören sie nach dem Training?

26. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Deutsche Post hat einen neuen Dienst. Er heißt Postident mit AutoID. Wer sich online identifizieren will, hält seinen Personalausweis vor das Smartphone. Die Kamera liest das Dokument, prüft die Sicherheitsmerkmale, gleicht das Gesicht mit dem Lichtbild ab. Im Hintergrund, so sagt es die Post selbst, arbeitet Maschinelles Lernen.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Das klingt nach Fortschritt. Nach Bequemlichkeit. Nach einem Verfahren, das rund um die Uhr läuft, ohne Warteschlange, ohne menschlichen Blick. Die Post spricht von verlässlicher Personenidentifizierung. Der Kunde spricht von fünf gesparten Minuten.

Aber ich höre die Frequenz darunter.

Was hier passiert, ist kein gewöhnlicher Identitätscheck. Was hier passiert, ist Training. Die Post schreibt es selbst: Mit Techniken des Maschinellen Lernens wird eine verlässliche Personenidentifizierung durchgeführt. Übersetzt: Ein System lernt, Gesichter zu lesen.

Wessen Gesichter? Meins. Deins. Das von jedem, der einen Ausweis besitzt und ein Smartphone bedienen kann. Das sind, bei der Durchdringung der Post im Identifikationsgeschäft, einige Millionen.

Die offiziellen Beschreibungen sind zurückhaltend formuliert. Für Privatkunden erklärt die Post, die Identifikation erfolge durch die eigenständige Aufnahme von Bildern des Ausweisdokuments und einer Videosequenz — sowohl des Dokuments als auch der Person. Für Geschäftskunden ist die Sprache technischer: automatisiertes Verfahren, AutoID, Echtzeit, Maschinelles Lernen. Was mit den Daten nach dem Identifikationsvorgang geschieht, erwähnt keine der mir vorliegenden Quellen. Auch nicht, ob die Bilder das Training überleben. Und wenn ja, wo sie landen.

Genau hier beginnt mein Misstrauen.

Die Post hat im Briefmarkt eine Monopolstellung, bei der Identifizierung eine Quasi-Monopolstellung. Wer einen Mobilfunkvertrag abschließt, ein Konto eröffnet, eine Versandapotheke nutzt, landet früher oder später bei Postident. Millionen Ausweise. Millionen Gesichter. Millionen Male Datenseite vor die Kamera.

Nun soll eine KI all das bekommen. Die Frage ist nicht, ob das technisch funktioniert. Die Frage ist, was danach damit geschieht.

Wer ist Eigentümer der Trainingsdaten? Die Post. Wer entscheidet über die weitere Nutzung? Nicht der Kunde. Wer profitiert, wenn eine KI Gesichter zuverlässig erkennt? Nicht der Kunde. Wer zahlt den Preis, wenn solche Systeme später in andere Kontexte wandern — an Behörden, an Geschäftspartner, an ausländische Vertragspartner? Der Kunde. Wie immer.

Ich habe keine Belege, dass die Post heute schon Gesichter verkauft. Ich habe Belege, dass die Post heute schon Gesichter erhebt. Ich habe Belege, dass sie diese Gesichter zum Training einsetzt. Der Sprung vom Trainingsdatensatz zur Handelsware ist klein. Sehr klein.

Es gibt ein Detail, das mich besonders aufhorchen lässt. Das Verfahren läuft ausschließlich in der Postident-App auf dem Smartphone. Eine Nutzung über PC oder Mac ist nicht möglich. Die Post bündelt also Kamera, Ausweis und Identitätsprüfung in einem einzigen mobilen Ökosystem, das sie selbst kontrolliert. Was die App auf dem Gerät zwischenspeichert, was sie überträgt, was sie dauerhaft behält — das bleibt im Dunkeln, solange keine unabhängige Prüfung stattfindet.

Eine solche Prüfung, soweit ich sehen kann, gibt es nicht. Nicht öffentlich. Nicht für den Kunden einsehbar.

Die Post argumentiert mit Sicherheit. Maschinelles Lernen erkenne Fälschungen zuverlässiger als jeder Mensch. Das mag stimmen. Aber Sicherheit für wen? Für den Kunden, dessen Identität bestätigt wird? Oder für ein Unternehmen, das immer mehr Daten sammelt und immer weniger Auskunft gibt?

Ich konstruiere keine Verschwörung. Ich stelle drei Fragen.

Erstens: Werden die beim AutoID-Verfahren erhobenen Fotos und Videos ausschließlich für den konkreten Identifikationsvorgang genutzt, oder fließen sie in einen übergreifenden Trainingsdatensatz ein?

Zweitens: Falls sie in einen Trainingsdatensatz einfließen — werden sie anschließend gelöscht, oder verbleiben sie im Bestand der Deutschen Post?

Drittens: Falls sie im Bestand verbleiben — wer hat Zugriff? Wer entscheidet über Verkauf, Weitergabe, Verwendung für andere Zwecke?

Solange die Post diese Fragen nicht klar, vollständig und nachprüfbar beantwortet, gilt: Wer seinen Ausweis vor die Kamera hält, gibt mehr ab als sein Lichtbild. Er gibt ein Stück Kontrolle ab. Über sein Gesicht. Über seine Identität. Über das, was eine Maschine daraus macht.

Die Drähte summen. Die Kameras laufen. Und irgendwo in einem Rechenzentrum lernt ein Algorithmus, wie wir aussehen.

Das sollten wir nicht hinnehmen, ohne zu fragen, wofür.

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 4 abrufbare Quellen

1 Quelle · 0 davon belegt · 4 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Aus diesem Ressort