Bildung als Beute: HK$2,2 Millionen Schmiergeld im Hörsaal
Hongkong, Universität, Lehrstuhl — klingt nach Seminarraum. Tatsächlich ist es ein Marktplatz geworden. Einer, auf dem öffentliche Gelder fließen, Aufträge vergeben werden, und wer den Zuschlag bekommt, regelt nicht die Qualität einer Lehrveranstaltung, sondern den Bestechungssatz.
Die Independent Commission Against Corruption, ICAC, hat am Freitag Anklage gegen Gary Wong Ka-wai erhoben, 45, außerordentlicher Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der University of Hong Kong. Neun Anklagepunkte: Verschwörung, damit ein Beamter Vorteile annimmt. Wong war bis Juni dieses Jahres Direktor des Centre for Information Technology in Education, CITE. Eine Schlüsselstelle. Wer dort sitzt, entscheidet, welche IT-Bildungsdienste die Universität einkauft.
Die Vorwürfe wiegen schwer. Zwischen August 2023 und Juni 2026 soll Wong Bestechungsgelder in Höhe von HK$2,2 Millionen, etwa 280.500 US-Dollar, kassiert haben, damit er sieben Beschaffungsaufträge an einen bestimmten Anbieter vergab. Sein Gegenüber: Huen Man-ho, 56, alleiniger Direktor und Eigentümer zweier Bildungsdienstleister — Immersive Learning und Koding Kingdom. Wong erhält, so die Anklage, zehn bis fünfzig Prozent des Auftragswerts als Belohnung. Die Aufträge summierten sich auf über zehn Millionen Hongkong-Dollar.
Mitangeklagt sind Huens Frau Joel Chu Wai-yi, 57, und Huens Neffe Cheung Chun, 26. Beide zusätzlich wegen Betrugs. Vier Namen, ein familiäres Konstrukt — Mann, Frau, Neffe, Professor. Korruption im Jahr 2026 funktioniert nicht mehr im muffigen Hinterzimmer. Sie funktioniert im Verwandtschaftsverbund mit eigener Firmenadresse.
Die Frage, die ich stelle: Wer finanziert das? Wongs Aufgabe war es, den Einsatz von IT in der Bildung zu fördern — mithilfe von Fördermitteln, unter anderem der Hong Kong Jockey Club Charities Trust und des Quality Education Fund der Regierung. Stiftungsgelder und staatliche Töpfe, gedacht für Kinder und Klassenzimmer. Sie landen über Umwege dort, wo sie nicht hingehören.
Es bleibt nicht bei Hongkong. Am Montag durchsuchen Ermittler der Taskforce Hawk in Australien sechs Objekte, darunter die Zentrale der Construction, Forestry and Maritime Employees Union, CFMEU, in Victoria. Fünf Männer werden festgenommen. Vier registrierte Fahrzeuge der Gewerkschaft werden beschlagnahmt, dazu zehn Mobiltelefone, ein Gewehr des Kalibers .22, Munition, Laptops, Dokumente, USB-Speicher, iPads und eine Substanz aus der Schedule 4 — verschreibungspflichtig, kein harmloses Erkältungsmittel.
Zwei Männer werden angeklagt. Ein 36-Jähriger aus Chirnside Park wegen Besitzes der Schedule-4-Substanz, ein 46-Jähriger aus Westbury wegen unsachgemäßer Lagerung einer Langwaffe und von Munition. Kautionstermine: Ringwood Magistrates Court am 10. November, Latrobe Valley Magistrates Court am 11. Januar. Die übrigen werden auf freien Fuß gesetzt, die Ermittlungen laufen weiter. Im Zentrum: geheime Provisionen, Betrug, Verbindungen ins organisierte Verbrechen.
Ein Professor in Hongkong, eine Gewerkschaft in Melbourne. Was haben sie gemeinsam? Auf den ersten Blick nichts. Bei genauerem Hinsehen sehr viel. Beide sind Institutionen, die zwischen öffentlichem Auftrag und privater Bereicherung vermitteln. Beide verwalten Gelder, die nicht ihnen gehören. Und in beiden Fällen hat jemand entschieden, dass dieses Vertrauen einen Preis hat.
Die ICAC ist 1974 gegründet worden, aus einem Korruptionsskandal heraus, mit dem Auftrag, den öffentlichen Sektor zu säubern. Operation Hawk wurde im Juli 2024 in Australien ins Leben gerufen, um kriminelles Verhalten im Bausektor zu bekämpfen, mit Verbindungen zu Motorradclubs. Im Folgejahr wurde sie zur Taskforce Hawk erweitert. Beide Institutionen haben Mandate. Beide ermitteln. Beide stoßen an dieselbe Struktur: Korruption, die nicht an der Eingangstür endet.
Wer kontrolliert die Vergabe von Fördermitteln? Wer prüft, ob Aufträge an der Vergabestelle vorbei vergeben werden? Wer folgt dem Geld, wenn es Universität oder Gewerkschaftszentrale verlässt? Wer zahlt am Ende den Preis — die Studenten, deren IT-Bildung an Auftragnehmer geht, die vielleicht nicht die fähigsten sind? Die Bauarbeiter, deren Beiträge in eine Parallelwirtschaft fließen? Der Staat, der das Vertrauen verliert, das er braucht, um Steuern zu erheben, Fördermittel zu verteilen, Aufträge zu vergeben?
Die Anklage gegen Wong ist erst der Anfang. Die Verfahren werden zeigen, wie tief das Netz reicht — wer wusste, wer schwieg, wer mitnahm. Der Lehrstuhl ist nicht der Tatort. Er ist die Schleuse.
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