WIE SCHWEIZER KÄSE: ZEHN RISSE IM TORY-ENERGIEPLAN
London, die Drähte summen. Ein Bericht aus dem konservativen Thinktank Onward geistert durch die Frequenzen: 320 Milliarden Pfund Ersparnis, wenn Großbritannien seine Klimaziele über Bord wirft. Im Vorwort steht Claire Coutinhos Name, Schatten-Energieministerin. „Wohlstand und bessere Umwelt" — so der Ton.
Die Rechnung klingt verlockend. Wer billigen Strom hat, so das Argument, kauft mehr Elektroautos, mehr Wärmepumpen, elektrifiziert schneller, emittiert weniger. Klingt nach Ökonomie für die Suppenküche. Ich höre genauer hin.
Was die Konservativen als „alternatives Szenario" verkaufen, produziert am Ende 524 Millionen Tonnen zusätzliches CO2 bis 2050. Die Elektrifizierung von Heizung und Verkehr sinkt — nicht steigt. Das ist kein Rechenfehler im Kleinen. Das ist der gesamte Apparat, der auf der falschen Frequenz sendet.
Iain Staffell, Professor für nachhaltige Energie am Imperial College, bringt es auf den Punkt: Die Modellierung habe „mehr Löcher als ein Schweizer Käse". Höflich ausgedrückt.
Erster Bruch: Gaspreise. Der Bericht geht davon aus, dass Gas billig und stabil bleibt. Im Oktober steigen die britischen Haushaltsrechnungen um vier Prozent, angetrieben vom Konflikt am Persischen Golf. Wer Stabilität prognostiziert, während Kriege den Markt durchrütteln, hat den Empfänger nicht richtig eingestellt.
Zweiter Bruch: Gaskraftwerke seien billig zu bauen. Wer den Bau eines modernen Gaswerks in Großbritannien verfolgt hat, weiß: Turbinen, Stahl und Genehmigungen sind explodiert.
Drittens: Kernkraft. Lieferprobleme, Kostenexplosionen, Zeitpläne, die sich um Jahre verschieben. Hinkley Point C ist das Mahnmal, das jeder kennt, der Baustellenfunk hört.
Viertens: Die Netzwerkkosten im Bericht „gehen nicht auf", sagen Fachleute. Höfliches Englisch für: Die Zahlen addieren sich nicht.
Fünftens: Die Systemintegrationskosten liegen „weit außerhalb des Mainstream-Denkens". Wer Annahmen so weit von der Branche abkoppelt, dichtet — er rechnet nicht.
Sechstens: Der Kurswechsel untergräbt das Vertrauen der Investoren. Wer alle paar Jahre die Spielregeln umschreibt, wird nicht mit Kapital belohnt, sondern mit Risikoaufschlägen bestraft.
Siebtens: Die Ersparnisse im CO2-Markt sind „nur ein Umräumen auf dem Spreadsheet". Luftbuchungen, die beim ersten Windstoß kollabieren.
Achtens: Der Bericht „vereinfacht grob" die Langzeitspeicherung. Speicher für Stunden, Tage, Wochen — jeder Ingenieur weiß, dass hier die eigentliche Arbeit wartet. Wer das auf eine Fußnote reduziert, hat die Frequenz nicht gehört, auf der die moderne Netzwirtschaft sendet.
Dann die Hitzewellen. Frankreich, Juli 2026: drei der 57 Reaktoren heruntergefahren, sieben weitere gedrosselt. Neun Prozent weniger Leistung. Dasselbe Bild in 2003, 2006, 2015, 2018, 2019, 2022, 2025. An der Donau trocknen die Kühlwasservorräte aus, Rumänien und Ungarn drosseln. Ein Schweizer Reaktor geht vom Netz, weil das Flusswasser zu warm ist. Vierzehn Prozent der weltweiten Kernflotte hängen an Flusskühlung. Wer Kernkraft als Wetterversicherung verkauft, hat den Sommer nicht erlebt.
Auch Gas verliert bei Hitze an Effizienz. Windflauten. Solarmodule, die bei Extremtemperatur weniger leisten. Speicher, die ihre Kapazität nicht halten können. Frankreichs Strombedarf stieg während der Junihitzewelle 2026 um zwanzig Prozent. Jede Kraftwerksart hat ihre Achillesferse. Wer eine einzelne Technologie zum Sündenbock macht, lenkt vom Gesamtbild ab.
Boris Johnson schreibt in seiner Kolumne, Großbritannien produziere „phänomenale Mengen" Windenergie, müsse aber Windparks in Schottland dafür bezahlen, dass sie ihre Turbinen bei Sturm abschalten. Das Netz könne die Elektronen nicht transportieren. Er führt das gegen die Energiewende ins Feld. Was er verschweigt: Netzausbau ist keine Strafe der Erneuerbaren, sondern deren Voraussetzung — und längst überfällig. Wer die Leitungen nicht baut, kann den Strom nicht verteilen, den er selbst als „Saudi-Arabien des Windes" lobt.
Der Bericht erzählt eine gute Geschichte. Aber Geschichten sind keine Infrastruktur. Wer 320 Milliarden Pfund in eine Richtung lenken will, muss die Drähte prüfen, nicht die Pressemitteilung.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Frequenz ist klar: Die Versprechen sind laut, die Physik ist leise. Aber sie gewinnt am Ende immer.
❖ Ende des Artikels ❖
