Börse 1937
Terminal Tribune

28. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

**Werkzeug zwischen Wald und Wanze: Wie Technik Umweltverteidiger schützt und jagt**

28. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Auf dem Draht ist die Quelle eindeutig. Die Wortmeldung stammt aus dem aktuellen Bericht des UN-Sonderberichterstatters für Menschenrechte und Umwelt, David Boyd, der periodisch an die Generalversammlung rapportiert. Der Satz geht so: "Governments should protect environmental defenders from violence and repression." Hilferuf, gegen die Wand gefunkt — wer lange genug hört, erkennt die Handschrift der Macht.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Die Zahlen liefert Global Witness. Im aktuellen Berichtszeitraum dokumentiert die Organisation mindestens 196 Morde an Umweltverteidigern pro Jahr. Die überwiegende Mehrheit in Lateinamerika: Kolumbien, Brasilien, Mexiko. Auf den Philippinen starben zuletzt mindestens zwölf Verteidiger. Die Quelle prüft man, indem man die Methode prüft — die Organisation filtert Pressemeldungen, Gerichtsurteile und Berichte lokaler NGOs. Nachvollziehbar.

Brasilien ist der Fall, an dem sich die übrige Welt aufhängt. Im Juni 2022 wurde der Indigenen-Anwalt Bruno Pereira zusammen mit dem britischen Reporter Dom Phillips auf dem Rio Javari erschossen. Sie hatten illegale Fischerei und Goldschürfer dokumentiert. Pereira war dem organisierten Verbrechen der Garimpeiros seit Jahren ein Dorn im Auge. Generalstaatsanwaltschaft und Indigenenbehörde FUNAI flogen Drohnen — gleichzeitig taten es die Garimpeiros. Wer wen am schnellsten findet, gewinnt.

Honduras, ein Präzedenzfall. Die Lenca-Aktivistin Berta Cáceres wurde im März 2016 in ihrem Haus erschossen, nachdem sie jahrelang gegen den Staudamm Agua Zarca gekämpft hatte. Die Auftraggeber kamen laut Urteil aus dem Management des Baukonzerns DESA. Der Mord hat ein juristisches Nachspiel, das bis heute andauert.

Wer die Drähte versteht, hat keine Geschlechtsfrage zu beantworten. Auch nicht im Jahr, in dem ich meine erste Morsetaste gelötet habe. Ich übersetze weiter.

Auf der anderen Seite der Machtlinie liegen die Werkzeuge der Verteidiger. Das brasilianische Instituto Socioambiental kartiert mit autonomen Drohnen Rodungen in Echtzeit und lädt die Bilder auf Plattformen wie Global Forest Watch. Communities im Kongobecken nutzen Smartphones mit GPS-Sticks, um Konzessionen auf openforestmap.org zu veröffentlichen. Verschlüsselte Messenger wie Signal, PGP-verschlüsselte Mails, Funkgeräte für Regionen ohne Mobilfunknetz. Die Werkzeuge des Protests sind nicht neu — sie sind nur transparenter geworden.

Der Hebel der Repression sitzt tiefer. Das israelische Unternehmen NSO Group verkauft seine Software Pegasus an Sicherheitsdienste in mehr als fünfzig Ländern. Citizen Lab der Universität Toronto dokumentierte in den vergangenen Jahren Dutzende Infektionen bei Journalistinnen, Anwälten und Aktivistinnen. Umwelt- und Landrechtsverteidiger erscheinen in den Datenströmen. Das Team formuliert in seinen Berichten: Pegasus sei eine Waffe, die sich gegen Dissens richte. Die Software übernimmt Kameras, Mikrofone und Nachrichten — sie wird zur Wanze in der Hosentasche.

Hinzu kommen Strafverfolgungswerkzeuge aus ziviler Hand. Cellebrite, ebenfalls israelisch, knackt Telefone für Polizeibehörden weltweit. Wikileaks hatte 2014 FinFisher aus Deutschland als Lieferanten für Diktaturen enttarnt. Wer kontrolliert diese Werkzeuge? Aktiengesellschaften mit Sitz in Tel Aviv, Washington, London. Wer profitiert? Geheimdienste, die ihre Budgets gegen innere Bedrohungen rechtfertigen. Wer zahlt den Preis? Menschen, die einen Baum fotografieren.

Die Regierungen haben Papiere. Das Escazú-Abkommen von 2018 verpflichtet zwölf lateinamerikanische Staaten zum Schutz von Umweltverteidigern und Whistleblowern. Mexiko ratifizierte, Peru nicht. Kolumbien unterzeichnete, die Anwendung bleibt prekär. Das EU-Lieferketten-Gesetz von 2024 verlangt von Unternehmen, Menschenrechtsverletzungen in ihren Ketten offenzulegen, einschließlich der Repression gegen Verteidiger. Die USA kennen keine vergleichbare Regulierung.

Die UN-Erklärung kommt nicht allein. Sie steht am Ende einer Schlussfolgerung: ohne Schutz keine Verteidigung. Ohne Verteidigung kein Wald, kein Wasser, kein Klima. Die Drähte summen weiter.

Mein Lötkolben ist kalt. Der Kaffee auch. Was ich höre: Eine Frequenz wird gerade abgeschaltet.

❖ Ende des Artikels ❖

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort