Verspielte Herkunft, echter Schweiß: Was die Bühne verschweigt
1937 hätte ich das hier nicht schreiben können. Heute geht es. Die Drähte summen, und auf einem davon flattert eine Meldung herein, die sich liest wie ein gut sortiertes Pressepaket: Kemah Bob, junge Komikerin, präsentiert auf dem Edinburgh Festival ihre zweite Show „Love Child". Eine „superbly playful origin story". Follow-up zu „Miss Fortunate". Das Wort „playful" fällt zweimal, das Wort „origin" einmal, das Wort „story" zweimal. Wer zählt, sieht das Muster.
Auf einem anderen Draht, älter, dicker, analog: Dolly Parton. Gestorben mit achtzig Jahren. Eine Frau, die im selben Nachmittag des Jahres 1973 zwei Lieder schrieb, die die Welt nicht mehr vergessen hat. „I Will Always Love You" und „Jolene". Beide an einem Tisch, vielleicht mit einer Tasse Kaffee und einer Gitarre, vielleicht ohne. Die Geschichte wird so erzählt, weil sie erzählbar ist: ein Mensch, ein Nachmittag, zwei Welthits. Country-Ikone, jemand, der mit dreizehn Jahren auf der Grand Ole Opry debütierte. Dreizehn. Danach fing die Karriere erst richtig an.
Ich lege beide Drähte nebeneinander und höre das Rauschen.
Kemah Bobs Show, berichtet der Guardian aus dem Pleasance Courtyard in Edinburgh, ist eine offene Selbstbefragung. Sie kommt aus einer armen schwarzen Familie im Süden der USA, Nachfahren der Sklaverei. Ihre Karriere in der Comedy liebt sie und misstraut ihr zugleich — infantilisiert sie? Ist sie finanziell prekär genug, dass ein erwachsenes Leben anders aussehen müsste? Das Publikum wird zur Klangprobe. Sie misst ihre Kindheit am Adverse Childhood Experience Test, einem Werkzeug, das ich nicht kannte, bis die Maschinen es mir beibrachten. Es klingt nach Werkzeugkasten, nicht nach Schicksal. Die Show sei, so der Rezensent, „thinking-aloud authentic". Spielend, lächelnd, mit Witzen über die Lippen ihres Vaters und Sexspielzeug mit der Mutter.
Miss Fortunate, ihr Debüt, handelte von einer chaotischen Thailand-Reise. Eine shaggy dog story, wie der Guardian schreibt. Wilde Geste, kein Masterplan. Das Follow-up nun soll das „this is me" sein, die verspätete Vorstellung. Das ist die Logik, die uns die Branche verkauft: erst Chaos, dann Selbstauskunft, dann, irgendwann, das Profil.
Hier setze ich meinen Lötkolben an.
Wer entscheidet eigentlich, dass eine Herkunftsgeschichte „playful" sein muss? Wer profitiert davon, dass eine schwarze Frau aus dem Süden der USA ihre Familiengeschichte als „open-hearted inquiry" verpackt, damit das Publikum sie als „endearing" empfindet? Wer hat das Wort „origin story" so weit in den Unterhaltungsbetrieb eingeschleust, dass es heute jedes zweite Künstlerporträt ziert?
Eine origin story ist ein Produktionsbegriff. Er kommt aus dem Comic, wanderte in die Filmbiografie, wanderte auf die Stand-up-Bühne. Eine origin story ist nicht das Leben. Sie ist eine zugespitzte, kausal gereinigte, oft gewaltsam vereinfachte Fassung davon. Sie braucht einen Anfang, der wie ein Anfang aussieht. Sie braucht einen Mangel, der zum Antrieb wird. Sie braucht, idealerweise, einen Schmerz, der sich gut portionieren lässt. Die Komikerin liefert das Material. Die Branche rahmt es.
Bei Dolly Parton sehen wir, wie das analoge Gegenstück funktioniert. Mit dreizehn stand sie auf der Grand Ole Opry. Die Karriere begann danach. Sie schrieb „Jolene" und „I Will Always Love You" an einem einzigen Nachmittag im Jahr 1973 — zwei Stücke, die zusammen fast jede Trennung, jede Sehnsucht und jede Erlösung tragen können, die das Radio je brauchte. Sie wurde achtzig. Sie war Aktivistin, Country-Ikone, jemand, dessen Imagination Library Kindern in Rotherham, einer ehemaligen Stahlstadt in Süd-Yorkshire, das Lesen beibrachte. Nichts davon ist „playful". Nichts davon ist als verspielte Geschichte gemeistert. Es ist Arbeit, Schweiß, Wiederholung, ein langes Leben.
Der Kontrast ist die Pointe, die niemand ausspricht. Auf der einen Seite eine Frau, die ein ganzes Arbeitsleben lang denselben Akkord immer neu griff und daraus etwas Unsterbliches formte. Auf der anderen Seite eine junge Komikerin, die genau das tut, was die Maschinerie verlangt: ihre Herkunft in ein Format pressen, das auf dem Festival-Spielplan funktioniert. Beide sind echt. Aber nur eine hat den Schweiß noch im T-Shirt, wenn sie die Bühne verlässt.
Man könnte einwenden: Das ist Showbusiness, das war schon immer so. Stimmt. Aber das Argument schließt den Deckel zu früh. Wenn jede Herkunft zur origin story gerinnt, verliert der Begriff seine Bedeutung. Dann wird jede Kindheit zur Marketingaussage, jeder Familienroman zum Trailer. Die Komikerin tut das nicht aus Berechnung, sie tut es, weil die Bühne, die Kritik, die Buchungslogik es so will. Sie ist die Spielerin, nicht die Schiedsrichterin.
Was mich an dem Guardian-Stück am meisten interessiert, ist ein Nebensatz: „the material is strong, in a thoughtful, sprightly show." Sprightly. Lebhaft, munter. Über das Aufwachsen als Nachfahrin versklavter Menschen in den Südstaaten. Es gibt eine Tonlage, die diese Branche verlangt, und sie heißt „playful", „endearing", „sprightly". Alles Adjektive, die Schwere in Leichtigkeit übersetzen. Wer die Übersetzung verweigert, kommt schwerer auf die Plakate.
Ich sage nicht, dass die Show schlecht ist. Ich sage, dass das Wort „playful" ein Produkt ist. Es ist das Ergebnis von Buchungslogik, Festival-Kalkül, Kritiker-Sprache und einer Generation von Komikerinnen, die gelernt haben, dass Schmerz nur dann zählt, wenn er unterhaltsam portioniert ist. Dolly Parton, mit dreizehn auf der Bühne, mit achtzig gestorben, mit einem Nachmittag, der die Musikgeschichte teilte — diese Frau war nie verspielt. Sie war präzise.
Ada Voss hört auf den Drähten. In Edinburgh dieser Tage sind die Drähte kurz und die Verstärker laut. Was ich höre, ist eine Maschinerie, die Herkunft in ein Produkt verwandelt, und ein Publikum, das das Produkt kauft, weil es so hübsch verpackt ist. Wer die Verpackung kritisiert, gilt als Spielverderber. Aber wer die Verpackung nicht mehr benennt, hat den Schweiß aus der Rechnung gestrichen.
Dolly Parton hat den Schweiß nicht gestrichen. Kemah Bob hat ihn auch nicht. Die Frage ist nur, wessen Handschrift auf der Verpackung steht.
❖ Ende des Artikels ❖
