Börse 1937
Terminal Tribune

29. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

DRÄHTE NACH SÜDCHINA: APECS REGELN UND DIE MASCHINE DER UNGLEICHHEIT

29. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Das Telegraphenamt hat mir heute eine Meldung geschickt, die nach zwei Kontinenten riecht. Südhina, vergangenes Wochenende. Ein Konferenzsaal, vermutlich klimatisiert. Auf dem Podium: die Frage, ob die Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft — APEC — mit ihren Regeln die wachsende Kluft zwischen arm und reich im Feld der künstlichen Intelligenz schließen kann.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Ich übersetze: Die Frage ist nicht, ob man es versucht. Die Frage ist, ob das Werkzeug überhaupt taugt.

Die Fakten, die mir vorliegen, sind nüchtern. Nach Daten der UNCTAD — der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen — konzentriert sich die globale KI-Landschaft samt ihrer Regelsetzung in den Händen einer kleinen Gruppe von Staaten und ungefähr hundert Konzernen. Hundert. Nicht tausend. Hundert. Diese Zahl sollte man sich merken, wenn man das Wort "Governance" hört.

Auf der Konferenz im Süden Chinas warnten Sprecher, die Vorteile der KI-Innovation könnten sich auf wenige Länder und Unternehmen konzentrieren. Man sprach von einer wachsenden Kluft. Chung Chul, Präsident des Korea Economic Research Institute, brachte es auf den Punkt: Die wirtschaftliche Lücke "weitet sich, sie schrumpft nicht." Sein Argument: Ein inklusiver Rahmen lasse sich nicht als Restgröße behandeln. Er müsse vor der Innovation mitgedacht werden, nicht erst hinterher.

Das klingt vernünftig. Wer wollte dem widersprechen? Niemand im Saal vermutlich. Ich sitze nicht im Saal. Ich sitze an meinem Schreibtisch, der Lötkolben ist kalt, der Kaffee schmeckt nach Kupfer. Deshalb sage ich: Vernünftige Worte sind das eine. Die Maschinerie dahinter ist das andere.

APEC ist ein lockeres Konstrukt. Kein Vertrag mit Zähnen, kein Gericht, keine Vollstreckung. Die Mitgliedsstaaten geben freiwillige Zusagen; wer eine Zusage nicht hält, bekommt einen höflichen Brief. Das ist Absicht. APEC wurde so gebaut, dass es niemandem wehtut. Genau das macht es nützlich für Handelsliberalisierung. Genau das macht es unbrauchbar für alles, was darüber hinausgeht.

Die Vorschläge aus Südhina — gemeinsame Programme, Nutzung der flexiblen APEC-Strukturen, kulturell sensible Governance — klingen nach der Sorte Konsens, wie sie in solchen Foren entsteht: Alle nicken, alle gehen nach Hause, die hundert Konzerne rechnen weiter.

Ich übersetze weiter. Wer kontrolliert die Maschine? Wer bezahlt die Drähte? Wer sitzt am Tisch, wenn die Standards geschrieben werden? Diese Fragen standen nicht auf der Tagesordnung. Sie stehen nie auf der Tagesordnung.

Die Rede von mangelnder Infrastruktur und fehlendem Talent im Globalen Süden ist keine Naturkonstante. Sie ist ein Zustand, der über Jahre produziert wurde — durch Konzentration von Kapital, durch Standortentscheidungen der Halbleiterindustrie, durch die Anziehungskraft der Forschungszentren in den reichen Ländern. Wer die Talentpools der Welt in seine Labore zieht, braucht sich nicht zu wundern, dass anderswo Talente fehlen.

Chinas Forderung, APEC solle eine offenere und gerechtere Governance entwickeln, ist nicht naiv. Sie ist ein Signal. Selbst jene, die im Club der hundert Konzerne mit am Tisch sitzen, empfinden die bestehende Struktur als unzureichend. Peking will Regeln — aber Regeln, die seine eigenen Champions nicht strangulieren. Peking will Mitsprache — auf Augenhöhe mit Washington, mit Seoul, mit Tokio.

Was bleibt, ist eine Konferenz, die eine Frage stellt, ohne die Mittel zu ihrer Beantwortung zu benennen. Die Kluft, von der die Sprecher sprechen, ist nicht das Ergebnis fehlender Konferenzen. Sie ist das Ergebnis funktionierender Märkte. Und Märkte — das ist das alte Telegraphistenwissen — reagieren nicht auf Konferenzbeschlüsse. Sie reagieren auf Preise, auf Macht, auf den nächsten Vertrag, der eine Chipfabrik verortet.

APEC kann Erklärungen verabschieden. APEC kann gemeinsame Programme vorschlagen. APEC kann Flexibilität üben, bis die Drähte glühen. Was APEC nicht kann: die hundert Konzerne dazu bringen, ihre Trainingsdaten zu teilen, ihre Rechenzentren zu duplizieren, ihre Forschungsbudgets offenzulegen. Dazu brauchte es Druckmittel, die APEC in seiner Struktur nicht besitzt — und nach dem Willen seiner mächtigsten Mitglieder auch nie bekommen wird.

Die nächste Meldung aus Südhina wird ein Foto sein. Lächelnde Delegierte, Hände geschüttelt, eine Erklärung verabschiedet. Das Foto wird in die Archive wandern. Die Kluft wird weiter wachsen. Die hundert Konzerne werden weiter rechnen.

Ich schalte den Empfänger aus. Der Lötkolben bleibt kalt. Irgendwo in Südhina hat jemand eine sehr vernünftige Rede gehalten. Irgendwo anders wird jemand einen Vertrag unterschreiben, der die nächste Fabrik verortet.

Die Drähte summen. Die Botschaft ist alt.

❖ Ende des Artikels ❖

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort