Nullsummenspiel: Wenn der Kuchen nicht wachsen darf
Die Drähte summen lauter als sonst. Aus dem Äther kommt ein Gerücht, das sich hartnäckig hält: Zero-Sum-Denken, so heißt es, werde Ressentiments schüren und Knappheit erzeugen. Eine These, verpackt in ein Wort, das nach Mathematik klingt und nach Politik schmeckt. Ich übersetze.
Was ist das, ein Nullsummenspiel? Einfache Regel: Was der eine gewinnt, verliert der andere. Der Kuchen ist fix. Wächst er nicht, dann ist dein Stück immer mein Verlust. Klingt vertraut? Sollte es. Es ist die Logik des Misstrauens, eingegossen in ein ökonomisches Vokabular. Und ausgerechnet der Tech-Sektor, dieser Ort, der uns seit Jahren erzählt, er schaffe Überfluss aus dem Nichts, scheint sich mit dieser Logik anzustecken wie ein alter Kondensator mit einem schlechten Lötkontakt.
Die Behauptung geht so: Nullsummendenken befeuert Ressentiments. Ressentiments erzeugen Knappheitsnarrative. Knappheitsnarrative erzeugen echte Knappheit — bei Daten, bei Aufmerksamkeit, bei Kapital. Eine hübsche Kausalkette. Drei Glieder, sauber ineinander. Wer das auf einem Kongress vorträgt, bekommt Applaus.
Ich sage: Vorsicht.
Denn was hier als Naturgesetz verkauft wird, ist zunächst einmal eine Geschichte. Eine Erzählung mit klarer politischer Sprengkraft. Wer nach Quellen sucht, findet sie sofort. Da schreibt jemand, Nullsummen-Geschichten seien der politische Kerosin der Stunde — sie lieferten Populisten, Nationalisten und Autoritären eine bequeme Erzählung, Politik sei ein Überlebenskampf um Arbeit, Land, Wasser, Energie. Jemand komme, um es einem wegzunehmen. Sobald dieser Rahmen sitze, zögen sich die Narrative zu. Wer eine solche Denkweise verinnerlicht habe, sehe jeden Zugewinn des Nachbarn als eigenen Verlust. Eine andere Quelle bestätigt: Nullsummendenken — das Leben als fixer Kuchen — komme besonders dort vor, wo Stagnation oder Wettbewerb zwischen Gruppen herrsche. Eine dritte spricht von einer Krise der Missgunst, befeuert durch institutionelles Versagen, die genau in dieses Denkmuster münde. Eine vierte nennt es die Fixed Pie Fallacy: Wenn dein Nachbar mehr verdient, bist du dann ärmer?
Alles plausibel. Alles bekannt. Aber — und hier wird es interessant — vier Belege aus dem gleichen Diskurs sind kein Beweis. Sie sind ein Echo. Ein gut synchronisiertes Echo, gewiss, ein Chor aus Beobachtungen, die sich gegenseitig stützen. Aber Echos beweisen keine Quelle. Sie beweisen nur, dass die Welle reflektiert wurde.
Was ich vermisse, sind die unabhängigen Beispiele aus dem digitalen Alltag. Die Algorithmen, die uns sagen: Diese Wohnung ist nicht für dich. Diese Stelle geht an jemand anderen, der dir ähnlicher ist als du dir selbst. Diese Anzeige siehst du nicht, weil das Budget aufgebraucht ist. Diese Information bekommst du später als andere, weil deine Aufmerksamkeit nicht erste Wahl war. Wo, bitte, ist der Datenhunger, der künstlich erzeugt wird, damit ein Produkt teurer verkauft werden kann? Wo ist die Aufmerksamkeitsknappheit, die nicht natürlich wäre, sondern designt? Wo ist das Kapital, das nicht deshalb fehlt, weil es nicht da ist, sondern weil es in Taschen umgeleitet wird, die schon voll sind?
Die These sagt: Nullsummendenken erzeugt Knappheit. Aber wer hat hier die Reihenfolge? Vielleicht ist es umgekehrt. Vielleicht erzeugt die Tech-Industrie selbst die Knappheit — durch künstliche Verknappung von Speicherplatz, durch Auktionsmodelle, durch geschlossene Ökosysteme, durch den Verkauf unserer Daten als wären sie endlich — und das Nullsummendenken ist die kulturelle Begleitmusik, die nachträglich erklärt, warum das alles so sein muss.
Wer kontrolliert das? Wer profitiert? Wer zahlt den Preis? Die alten Fragen. Sie gelten auch hier.
Die Tech-Branche liebt Erzählungen, die wie Physik klingen. Schwerkraft der Märkte. Naturgesetze der Aufmerksamkeit. Unausweichliche Knappheit. Aber hinter jeder Natur steht ein Ingenieur. Und hinter jedem Ingenieur steht jemand, der unterschreibt.
Ich verlange Belege. Nicht noch eine Theorie, nicht noch ein Framework, nicht noch ein Whitepaper. Ich will den Screenshot. Ich will den API-Call, der zeigt, wie ein System Knappheit erzeugt, die vorher nicht da war. Ich will das Beispiel, in dem jemand mehr bekommt und niemand weniger hat — und wie dieses Beispiel systematisch aus dem Diskurs verschwindet, weil es nicht ins Narrativ passt.
Bis dahin bleibt mir nur das Summen der Drähte. Und die alte Regel: Wer dir erzählt, der Kuchen könne nicht wachsen, will meistens verhindern, dass du die Küche betrittst.
Ada Voss, Terminal Tribune. 1937. Die Frequenzen liegen offen. Wer zuhört, hört mehr.
❖ Ende des Artikels ❖
