Ausweis her, KI lernt mit — Postidents stiller Handel
Vorsicht, Lesende: Dieser Bericht stützt sich auf eine einzige Quelle, eine Recherche von netzpolitik.org vom 26. August 2026. Jeder Schritt des Verfahrens, jede Darstellung der Beteiligten ist hier nur einmal belegt. Wer die folgenden Absätze liest, sollte das im Hinterkopf behalten — und jede Aussage als potenziell unzureichend transparent einordnen.
Die Drähte summen. Was hier beginnt, ist kein Aufruf zum Misstrauen, sondern ein nüchterner Blick auf ein Verfahren, das Millionen Bundesbürger jährlich durchlaufen — und das im Hintergrund mehr einsammelt, als die Werbung verrät.
Die Deutsche Post bietet seit Jahren das Postident-Verfahren an. Wer ein neues Bankkonto eröffnet, einen Mobilfunkvertrag abschließt oder andere Identitätsnachweise im Netz braucht, nutzt diese Schnittstelle. Postident ist alltäglich. AutoID ist die automatisierte Variante. Eine App, ein Smartphone, kein Gang zur Filiale. So weit, so bequem.
Doch nun kommt der Handel.
Beim Postident-AutoID-Verfahren machen Nutzer:innen Fotos ihres Personalausweises, Vorder- und Rückseite. Danach ein Selfie-Video. Die App diktiert die Kopfbewegungen. Das System prüft automatisch die erfassten Daten, die Sicherheitsmerkmale und die Echtheit der Aufnahmen. Methoden des Maschinellen Lernens, so die DHL Group, der Konzern hinter der Deutschen Post, auf ihrer Website. Bereits 2019 hat sich etwa der Mobilfunk-Provider Congstar für dieses Verfahren entschieden.
Bevor die Identifizierung beginnt, erscheint auf dem Bildschirm eine Aufforderung. Ein Schieberegler, beschriftet mit „Qualitätssicherung". Wer den Schieber nicht aktiviert, kann den Einwilligen-Button nicht betätigen. Das Verfahren lässt sich ohne diese Zustimmung nicht starten.
Die Zustimmung bedeutet: Postident darf aufgenommene Ausweis- und Nachweisdaten speichern und verarbeiten — zum Zwecke der Qualitätssicherung und des Trainings von KI-Modellen. Fotos vom Ausweis, Gesichtszüge vom Scan. Personenbezogene Daten im Trainingsdaten-Pool des Konzerns.
Die Post sagt: freiwillig. Nutzer:innen, die das Verfahren durchlaufen haben, sagen: das ist kein freiwillig. Es ist eine Bedingung.
Das ist der Punkt, an dem aus Bequemlichkeit ein Überwachungsmechanismus wird. Denn wer einen neuen Handyvertrag braucht, hat wenig Wahl. Wer ein Konto eröffnen will, ebenso. Der Hebel sitzt am alltäglichen Bedarf, nicht am technischen Verständnis der Nutzer:innen. Die Deutsche Post begründet das KI-Training mit „Qualitätssicherung". Man wolle das Risiko eines schrittweisen Qualitätsverlustes ausschließen.
Die Logik klingt plausibel: Wer KI zur Identitätsprüfung einsetzt, muss die KI mit echten Daten füttern, sonst wird sie schlechter. Plausibel, bis man fragt, wer eigentlich kontrolliert, was mit den Trainingsdaten geschieht. Wer sichert zu, dass die Daten das System verlassen, sobald das Modell trainiert ist? Wer prüft, ob das Modell selbst nicht irgendwann Ausweisfotos errät, die es nie gesehen hat? All das bleibt — nach derzeitigem Kenntnisstand aus dieser einen Quelle — unbeantwortet.
Hier beginnt das ethische Problem. Denn Ausweisfotos sind nicht anonym. Sie tragen Namen, Geburtsdaten, Adressen, Dokumentennummern, biometrische Merkmale. Wer einen solchen Datensatz besitzt, besitzt Schlüssel zu Identitäten.
Die rechtliche Frage ist schnell gestellt und schwer beantwortet. Ist eine Zustimmung, die als Voraussetzung für die Nutzung eines Dienstes verlangt wird, wirklich freiwillig im Sinne der DSGVO? Die Verordnung kennt das Wort freiwillig. Sie verlangt, dass Einwilligung ohne Druck erfolgen muss. Wenn der Druck aus dem Alltag kommt, aus dem Wunsch, ein Bankkonto zu eröffnen, ist die Freiwilligkeit eine Fiktion.
Die Deutsche Post sitzt an einer Schaltstelle. Postident wird millionenfach pro Jahr genutzt. Hinter dem Konzern steht eine Institution mit langer Geschichte als staatsnaher Dienstleister — auch nach der Privatisierung bleibt die Verbindung zum öffentlichen Auftrag bestehen. Was als privatwirtschaftliche Innovation beginnt, berührt öffentliche Belange.
AutoID ist nicht die einzige Möglichkeit. Der elektronische Personalausweis bietet eine Alternative. Doch wer den Ausweis nicht nutzen will oder kann, landet bei Postident — und bei der Wahl zwischen Bequemlichkeit und Datenschutz. Eine Wahl, die auf dem Bildschirm als Schieberegler daherkommt. In Wahrheit ist sie keine.
Was bleibt, ist ein Verfahren, das im Kleid der Innovation alte Mechanismen trägt: die Sammlung persönlicher Daten durch Infrastrukturen, die wir alle nutzen müssen. Die Methode hat sich geändert, vom Formular zum Selfie-Video. Die Logik ist die gleiche geblieben. Ich höre weiter auf den Drähten.
❖ Ende des Artikels ❖
