Minus Dreißig Prozent – die Landnutzungs-Bilanz mit Haken
Die Drähte summen. Eine neue Depesche liegt auf dem Tisch: Die Emissionen aus Landnutzungsänderungen – Entwaldung, Verlust von Torfgebieten, Walddegradierung – sind im 21. Jahrhundert gefallen. Das aktuelle Global Carbon Budget, formal publiziert im Mai im Fachblatt Earth System Science Data, spricht von einem „statistisch signifikanten Rückgang" seit den späten 1990er-Jahren. Zwischen 2015 und 2024 lag der Schnitt bei rund fünf Gigatonnen CO2 pro Jahr. Im Jahr 2025 selbst waren es etwa 4,1 Gigatonnen – rund ein Drittel weniger als im Mittel der 2000er.
Ich übersetze: 30 Prozent weniger in einem Vierteljahrhundert. Carbon Brief hat das in sechs Charts nachgezeichnet. Die Klimawissenschaftler Dr. Zeke Hausfather und Prof. Pierre Friedlingstein notierten im November 2025, die Landnutzungsemissionen 2025 lägen „rund 32 Prozent" unter dem Schnitt der 2000er. Die Kurve fällt – und sie fällt steiler nach 2015 als davor.
Klingt nach Erfolg. Wie eine Nachricht, die man sich ans Revers heftet, wenn anderswo die fossilen Emissionen weiter auf Rekordjagd gehen. Genau da beginnt mein Misstrauen. Nicht weil die Zahl falsch sein muss – sondern weil jede Zahl ein Modell ist, und jedes Modell hat seine Annahmen.
Ich schaue genauer hin. Die Landnutzungsemissionen – im Fachjargon LULUCF, Land Use, Land-Use Change and Forestry – sind eine Bilanzgröße. Sie ergibt sich aus der Differenz zwischen Kohlenstoff, den Entwaldung, Torfverlust und Holzernte freisetzen, und dem Kohlenstoff, den nachwachsender Wald wieder bindet. Wer Wald rodet, bucht eine Emission. Wer Wald nachpflanzt, bucht eine Senke. Was dazwischen liegt, hängt von der Datenlage ab – und die ist dünn, gerade in weiten Teilen der Tropen.
Der Bericht sagt es selbst: Die Schätzungen sind unsicher, die Spannweiten breit. Dreißig Prozent weniger klingt präzise, ist aber eine Modellrechnung mit Spielraum. Das ist nicht unehrenhaft – es ist die Natur der Sache. Aber als Berichterstatterin muss ich das dazuschreiben, sonst verkaufe ich dem Leser eine Genauigkeit, die es nicht gibt.
Der zweite Blick: Was fällt eigentlich? Der Bericht nennt verlangsamte Entwaldung und verlangsamte Landnutzungsänderungen als Treiber. Einzelne Länder kehren den Trend um – mit rückläufiger Rodung in den Tropen, mit Wiederauffung in Europa, China, Indien. Die Mechanik ist plausibel: Wo der Markt für Soja und Palmöl unter Druck gerät, wo internationale Klimaziele greifen, wo Brandrodung politisch teuer wird, da sinken die Zahlen. Das ist kein Naturgesetz, sondern ein verhandelbarer Effekt. Er kann kippen.
Eine sinkende Kurve ist noch kein neues System. Solange die Bilanzierung von Buchhaltern und Klimaforschern abhängt, von nationalen Inventaren, die in unterschiedlichen Methoden geführt werden, bleibt der Strich auf dem Chart ein vorläufiger Strich.
Was mich an der Sache am meisten interessiert: Wer profitiert? Länder mit erfolgreichen Wiederauffungs-Programmen können sich die Zahl an die Fahnen heften. Konzerne mit entwaldungsfreien Lieferketten ebenso. Das ist Marketing-Material. Für die Atmosphäre zählt, was tatsächlich emittiert wird – und da, im Hintergrund, klettern die fossilen Emissionen weiter. Zwischen 2015 und 2024 lag ihr Schnitt bei 35,9 Gigatonnen CO2 pro Jahr – Tendenz: jedes Jahrzehnt nach oben, seit 1959.
Die Landnutzungs-Kurve fällt also in einem System, das insgesamt auf voller Last läuft. Das ist die andere Hälfte der Medaille, die der einzelne Chart nicht zeigt. Dreißig Prozent weniger auf der einen Waagschale, gegenüber einer Waagschale, die weiter schwerer wird. Das ist keine Entwarnung. Das ist eine Verschiebung.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Tinte auf der Depesche ist noch feucht. Ich notiere: Die Wälder – soweit noch vorhanden – geben weniger Kohlenstoff ab als zur Jahrtausendwende. Messbar. Belegt durch Dutzende Forschende im Global Carbon Budget. Aber jeder Messpunkt trägt den Stempel seiner Annahmen, und die Annahmen sind international nicht standardisiert.
Ich übersetze weiter: 30 Prozent weniger – strukturelle Transformation oder präzisere Erfassung dessen, was ohnehin nicht mehr gerodet wird? Heißt Wiederauffung als globale Wende oder als Inseln in einer Landschaft, die weiterhin brennt? Der Bericht gibt keine endgültige Antwort. Er liefert Zahlen, Diagramme, Quellen. Die Mechanik bleibt Verhandlungssache – zwischen Buchhaltern, Forstbeamten, Klimaforschern und Politik.
Ich notiere, was gesagt wurde. Und was nicht. Bis zur nächsten Übertragung.
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