Börse 1937
Terminal Tribune

30. August 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

533 Millionen Dollar und kein einziger Schuss — die Fabrik die nichts konnte

30. August 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Diese Depesche kommt aus dem heißen August 2026, aus den Vereinigten Staaten — aber die Mechanik dahinter kenne ich, nur die Quelle des Brandgeruchs ist eine andere: dort drüben brennen Roboterarme statt Spulen.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Was folgt, basiert auf einer einzigen Primärrecherche: ProPublica, Reporter Jesse Coburn. Er hat 36 ehemalige Mitarbeiter von Army, Pentagon, General Dynamics und dem Weißen Haus interviewt, interne Firmendokumente gesichtet, Fotos und Videos aus der Fabrik ausgewertet. Aufgegriffen wurde der Text von NationofChange, Radio Free und Daily Kos — durchweg Sekundärquellen, die Coburns Arbeit referieren. Einen Pentagon-Bericht des Inspekteurs aus dem Juli erwähnt Coburn; ich habe ihn nicht selbst eingesehen. Ich gebe weiter, was auf dem Draht liegt, und sage dazu, woher es kommt.

Die Fakten: Die US-Army zahlte General Dynamics 533 Millionen Dollar für eine Artilleriefabrik in Texas. Die Fabrik hat keine einzige brauchbare Granathülse produziert. Das ist die Bilanz.

Wie es dazu kam, ist eine Geschichte über Tempo, eine einzige Quelle und Maschinen, deren Tauglichkeit offenbar nie hinreichend geprüft wurde. Als Russland 2022 die Ukraine überfiel, beschloss die Biden-Regierung, die Produktion von 155-Millimeter-Artilleriegeschossen rasch hochzufahren. General Dynamics war damals der einzige Hersteller der metallenen Hülsenkörper in den USA, fertigte in einer rund hundert Jahre alten Anlage in Pennsylvania nach einem Verfahren aus der Zeit des Koreakriegs.

Die Firma hätte dieses Verfahren replizieren können. Stattdessen schlug sie eine moderne Produktionslinie der türkischen Firma Repkon vor. Repkon war in der amerischen Rüstungsindustrie praktisch unbekannt. Das Unternehmen sagte, andere Länder nutzten seine Anlagen bereits — allerdings für ein älteres, einfacheres Modell der Granaten. Ob die türkischen Maschinen mit dem Stahl der neueren 155-Millimeter-Hülse zurechtkämen, war zu diesem Zeitpunkt nicht hinreichend geklärt.

Was dann in Texas geschah, klingt nach Werkstatt und nicht nach Rüstungsbetrieb. Riesenroboterarme fingen Feuer. Das Schlüsselgerät der Fabrik — Coburn nennt es das „signature device" — riss den Stahl auf, der zu Hülsen werden sollte. Arbeiter mussten regelmäßig mit Vorschlaghämmern auf bestimmte Maschinen einschlagen, um sie überhaupt zum Laufen zu bringen. Die Maschinen verhunzten trotzdem fast jede Hülse. Ein ehemaliger Mitarbeiter eines Army-Aufsichtsbüros nannte das Projekt ein „absolutes Desaster". Er sprach wie viele andere nur anonym.

Die Army erklärte auf Anfrage, man übe „rigorose Aufsicht" aus und prüfe Fälle, „in denen Auftragnehmer Vertragsspezifikationen nicht erfüllen", auf Vertragsleistung, Rückforderung und Umschichtung von Ressourcen. Das ist der übliche Behördenreflex, der nichts kostet.

General Dynamics lehnte ein Interview ab. Das Unternehmen sagt, es habe „Anforderungen erfüllt oder übertroffen", laut einem Bericht des Pentagon-Inspekteurs. Ein Firmensprecher erklärte, Coburns Berichterstattung „verzerre die Umstände grundlegend", ohne auf konkrete Fehler in der Recherche einzugehen. Das ist kein Widerspruch im juristischen Sinn. Es ist die Geste eines Unternehmens, das nichts mehr sagen will.

Ich übersetze die Technik für die Suppenküche: Hier wurde eine Fabrik gebaut, ohne hinreichend zu klären, ob die Maschinen das Material verarbeiten können, das sie verarbeiten sollen. Der Auftrag wurde in einem überstürzten Verfahren vergeben. Es gab im Wesentlichen nur einen Bieter mit der behaupteten Kapazität, aber kein Verfahren, das diese Kapazität unter den geforderten Bedingungen bewiesen hätte. Das ist eine Anschaffung auf Treu und Glauben — im Wert eines halben Milliardenhaushalts einer mittelgroßen amerikanischen Stadt.

Wer hat profitiert? General Dynamics hat den Auftrag erhalten und das Geld bekommen. Repkon hat seine türkischen Maschinen in den amerikanischen Markt gebracht. Wer zahlt? Die Steuerzahler. Und die Soldaten in der Ukraine, die auf Munition warten, die aus dieser Fabrik nie kam.

Was fehlt, bevor ich mich festlege: Ich brauche mindestens eine Stimme außerhalb des ProPublica-Korridors, die Coburns Bild unabhängig bestätigt. Coburn ist gründlich. Gründlich ist kein Synonym für vollständig. Bis dahin ist dies eine Übersetzung, kein Urteil.

Die Drähte summen weiter. Mehr sobald sie etwas Neues tragen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 1 Behauptung belegt
  1. ZAHL $533 Million

    „The U.S. Army paid General Dynamics $533 million for an artillery factory that failed to produce a single usable shell.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 1 davon belegt · 3 externe Belege · 1 prüfbare Behauptung

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort