Mundan oder Haircut – Wie ein Tribunal Zahlen zu Ritualen schert
Neu-Delhi, Ende August 2026. Die Drähte summen, und was sie mir zutragen, riecht nach Lötzinn und altem Geld.
Das National Company Law Tribunal – kurz NCLT – hat einen Beschluss gefasst, der in der indischen Geschäftswelt Wellen schlägt: Subhash Chandra, Gründer der Essel Group und Schöpfer des Zee-TV-Imperiums, darf persönliche Bürgschaftsverbindlichkeiten von 22.006,57 Crore Rupien mit einer Zahlung von 6,5 Crore Rupien begleichen. Auf den Strich gerechnet: 99,97 Prozent Verlust für die Gläubiger. Ein Haar? Nein. Eine Glatze.
Congress-Chef Rahul Gandhi nennt das Tribunal beim Namen – und zwar so, wie es kein Gericht gerne hört: Neta-Company Loot Tribunal. Er spricht von zwei Systemen in einem Land. Eines für eine Handvoll Milliardäre, eines für alle anderen. Wenn ein Bauer 50.000 Rupien nicht zahlt, wird sein Land versteigert. Wenn ein Angestellter eine einzige EMI-Rate verpasst, stehen Bank-Schergen vor der Tür. Für ausgewählte Freunde aber sei Geld wie Privateigentum.
Gandhis Generalsekretär Jairam Ramesh geht einen Schritt weiter. Er nennt den Vergleich keinen Haircut, sondern eine Mundan – das hinduistische Initiations-Ritual, bei dem dem Jungen die Haare geschoren werden. Eine komplette Schur. Eine öffentliche Schmach. Ramesh spricht von einer vollständigen Verspottung des Insolvenz- und Bankrottgesetzbuchs von 2016.
Und genau hier beginnt die Frequenz, auf die ich höre: die Kluft zwischen Mundan und Haircut ist nicht semantisch. Sie ist politisch. Wer Haircut sagt, akzeptiert die Logik des Marktes – manche Schulden sind nicht eintreibbar, also wird gerissen. Wer Mundan sagt, klagt an: hier wird jemand kahl geschoren, vor aller Augen. Das eine ist Bilanzkosmetik. Das andere ist Schaubühne.
Was sagen die Zahlen selbst? Die zugelassenen Forderungen der Gläubiger belaufen sich auf 22.006,57 Crore Rupien. Chandra bietet 6,5 Crore. HDFC Bank – eine der größten privaten Banken Indiens – sagt, ihre eigene zugelassene Forderung betrage nur 3,2 Prozent der Gesamtsumme, rund 705 Crore. Die Bank hat gegen den Beschluss gestimmt. Nun kündigt sie an, vor das National Company Law Appellate Tribunal, das NCLAT, zu ziehen.
Auch LIC Housing Finance Ltd – LICHFL – gehört zu den abweichenden Gläubigern. Zugelassene Forderungen: 1.322,39 Crore Rupien. LICHFL stellt klar: Der NCLT-Beschluss betrifft nur das persönliche Insolvenzverfahren Chandras als Bürge. Die Verbindlichkeiten der Hauptschuldner – der Firmen also, für die er bürgte – bleiben unberührt. Das Sicherungsrecht an den verpfändeten Vermögenswerten bleibt bestehen. Die Bank werde weiter alle Rechte, Sicherungsinteressen, Vollstreckungsmittel und Rückgewinnungswege nutzen.
So weit die Paragrafen. Die Frage, die auf der Leitung bleibt: Wie viel haben die indischen Banken in den letzten zwölf Jahren durch solche Vergleiche unter NCLT-Verfahren tatsächlich verloren? Congress-General Randeep Singh Surjewala sagt: bis zu 10 Lakh Crore. Er räumt ein, er habe einige Informationen, die das stützen. Die Öffentlichkeit weiß: nichts Genaues. Der Finanzminister schweigt bisher.
Es ist diese Stille, die mich am Lötkolben halten lässt. 99,97 Prozent Verlust auf einer einzigen Forderung – das ist nicht nur ein Einzelfall. Es ist der sichtbare Riss in einer Architektur, die sich Insolvenzgesetz nennt. Wenn 6,5 Crore 22.006 Crore tilgen, dann ist die Frage nicht mehr, ob das System funktioniert. Sondern für wen.
Rahul Gandhi sagt: für Milliardäre und ihre Freunde. Die Banken sagen: wir fechten an. Die Gläubiger sagen: wir bleiben dran. Die Steuerzahlerin in der Suppenküche fragt sich derweil, warum ihr Geld nicht das gleiche Recht auf eine Mundan bekommt.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Ich höre weiter auf den Drähten. Was hier versendet wird, ist keine Depesche über Zahlen. Es ist eine über die Frage, wessen Schultern 99,97 Prozent tragen.
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