SCHLANDS KI-WETTE: LERNEN ODER VERLERNEN?
Die Drähte summen. Eine neue Frequenz hat sich dazwischengeschoben — und sie trägt eine schwere Frage. Künstliche Intelligenz zwingt die Schule zum Umdenken. Doch genau dort, wo Norwegen die Reißleine zieht, geht Deutschland einen anderen Weg. Die Zerrissenheit der Lehrmacher ist messbar geworden. Ich übersetze, was die Frequenz sagt.
Im Sommer 2026 hat Norwegen als erstes Land die Notbremse gezogen. Sinkende Testergebnisse waren der Auslöser. Generative KI ist dort ab diesem Schuljahr vor dem 14. Lebensjahr kategorisch verboten. Zwischen 14 und 16 darf sie nur unter strenger Aufsicht der Lehrkräfte genutzt werden. Erst in der gymnasialen Oberstufe sollen gezielt KI-Kompetenzen vermittelt werden.
In Deutschland läuft die Maschine anders. Nach einer Abfrage von CORRECTIV zieht in diesem Schuljahr erstmals datenschutzsichere generative KI in alle Klassen ein. 14 Bundesländer stellen den eigens entwickelten Chatbot AIS — Adaptives Intelligentes System — zur Verfügung. Entwickelt wurde er vom Medieninstitut der Länder, FWU, finanziert aus dem ersten Digitalpakt. Hamburg und Sachsen planen die Einführung in den kommenden Monaten. Rheinland-Pfalz und Mecklenburg-Vorpommern setzen alternativ auf die ebenfalls datenschutzsichere Plattform Fobizz.
Was auf dem Spiel steht, formuliert ein Mann besonders klar, der es wissen muss. Florian Nuxoll unterrichtet Englisch und Gemeinschaftskunde in Tübingen. Er ist einer der führenden KI-Bildungsexperten Deutschlands, hat jahrelang mit KI im Unterricht experimentiert — und räumt die digitalen Geräte zu Stundenbeginn weg. „Alles weg, damit ihr wirklich lernt", sagt er. Sein Befund nach drei Jahren: Generative KI hebelt das Grundprinzip von Schule aus. Die Schülerinnen und Schüler verlernten das Lernen. Sie durchdringen den Stoff nicht, weil sie den Lernprozess nicht mehr durchlaufen.
Die Spannung schlägt sich in Zahlen nieder. 89 Prozent der Lehrkräfte halten KI-Kompetenz für unverzichtbar — gleichzeitig fürchten 42 Prozent eine Verdummung der Schülerschaft. Das ist kein Widerspruch im Kopf einzelner Pädagogen. Es ist die kollektive Zerrissenheit eines Berufsstands, der das Werkzeug nutzen und zugleich befürchten muss, dass das Werkzeug das Handwerk auffrisst. Deutschland setzt daher auf den Mittelweg: klare Regeln, altersgerechte Einführung, Schülerbeteiligung. Datenschutz auf der einen Seite. Kritikfähigkeit auf der anderen. Die Schülerinnen und Schüler sollen mit KI arbeiten können und sie zugleich durchschauen.
Es ist, als müsste man aus der Geschichte lernen und mit der Zukunft telefonieren. Sandra Hüller macht derzeit Ersteres sichtbar. In ihrem Film „Vaterland" spielt sie Erika Mann, die mit ihrem Vater Thomas Mann 1945 von Frankfurt nach Weimar in die sowjetische Besatzungszone reist. Die Häuser liegen in Trümmern, die Kunst lebt noch — aber auch die Ideen der Täter. „Ich fühle mich jeden Tag schuldig", hat Hüller in Cannes gesagt, als Pawlikowski den Regiepreis erhielt. Es geht um eine Generation, die nicht ausweichen durfte. Heute stehen Lehrkräfte vor einer analogen Frage: nicht ausweichen vor einer Technologie, die das Lernen selbst verändert.
Der verantwortliche Mittelweg hat ein einfaches Profil. Er lässt das Werkzeug zu, aber nicht ohne Aufsicht. Er vermittelt Kompetenz, aber nicht um den Preis des eigenen Denkens. Er nimmt die Reißleine Norwegens ernst, ohne sie zu kopieren. Und er vertraut darauf, dass eine Generation, die mit KI aufwächst, lernt, sie zu befragen statt nur zu bedienen.
Wer kontrolliert das? Am Ende die Lehrkraft vor der Klasse, das FWU in Grünwald, der Schulrat im Landtag. Wer profitiert? Die Schülerinnen und Schüler, die beides können: denken und prüfen. Wer zahlt den Preis? Wir alle, wenn wir es falsch machen.
Die Drähte summen weiter. Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Ich höre hin.
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