Segalovitz läuft für Raam — Erster jüdischer Kandidat einer arabischen Partei
JERUSALEM/NAZARETH. Wenn ein Ex-Polizist die Seiten wechselt, wird es interessant. Nicht weil er Polizist war — sondern weil die Plattform, auf die er nun tritt, andere Signale sendet als die, auf der er stand. Und Plattformen sind in dieser Region wie überall: Was sie versprechen, ist das eine. Was sie tragen, das andere.
Yoav Segalovitz, ehemaliger israelischer Polizeioffizier und Ex-Abgeordneter der Knesset, wird auf der Liste der arabisch-israelischen Partei Raam in die Wahl am 27. Oktober ziehen. Das verkündete Raam-Chef Mansour Abbas am 31. August auf einer Pressekonferenz in Nazareth. Segalovitz ist damit der erste jüdische Israeli, der für eine explizit arabische Partei antritt.
Die Konstellation hat es in sich. Zwar hat die kommunistische Hadash bereits jüdische und arabische Kandidaten aufgestellt, doch Hadash wird nicht als arabische Partei geführt — sie ist eine gemeinsame jüdisch-arabische Liste. Raam dagegen ist eine moderate islamistische Formation, die unter Abbas den Weg der politischen Teilhabe eingeschlagen hat, mit arabischen Wählern als Stammklientel und einer programmatischen Ausrichtung, die sich als islamisch-mäßig beschreiben lässt.
Was genau wird Segalovitz' Plattform sein? Das ist die offene Frage, an der sich der gesamte Vorgang entschlüsseln lässt. Abbas nannte das Stichwort selbst: anti-kriminelle Politik. „Mit dem Mann, der diesen Kampf mit uns geführt und sich darin bewährt hat", so Abbas über Segalovitz am 31. August. Die Botschaft ist klar — Raam will das Sicherheitsthema besetzen, und der Mann, der es besetzen soll, bringt einen Polizei- und Ministerstallgeruch mit.
Die Vorgeschichte ordnet das Signal ein. Segalovitz saß seit 2019 für die zentristische Yesh Atid von Yair Lapid in der Knesset. In der breiten Koalitionsregierung unter Lapid und dem Rechtspolitiker Naftali Bennett führte er das Amt des stellvertretenden Ministers für nationale Sicherheit. Ebenfalls 2021 schloss Abbas ein beispielloses Abkommen mit jener Regierung — Raam stützte die Koalition, im Gegenzug flossen Milliarden Dollar an die arabische Minderheit Israels. Diese Minderheit sind Nachkommen der Palästinenser, die bei Gründung des Staates Israel im Jahr 1948 auf ihrem Land blieben.
Doch das Bündnis forderte seinen Preis. Viele arabische Israelis sahen den Pakt als Verrat an der palästinensischen Sache, viele jüdische Wähler kritisierten Bennett für die Allianz mit einer islamistischen Partei. Abbas verurteilt die Angriffe der Hamas und setzt — so seine Worte — auf Wandel durch Dialog. Aktuelle Umfragen sehen Raam bei fünf bis sechs Knesset-Sitzen.
Segalovitz selbst formulierte am 31. August das Programm in eigenen Worten: „Es gibt eine schwierige Geschichte zwischen Arabern und Juden in diesem Land, aber auch eine gemeinsame Zukunft." Politische Kooperation sei möglich „auf der Grundlage von Vertrauen, der Anerkennung unserer Unterschiede und der Verpflichtung zum gemeinsamen Handeln". Abbas sekundierte: „Um Wandel zu schaffen, müssen wir den Anderen sehen. Raam hat keine Angst vor Wandel, sie treibt ihn voran."
Die Mechanik dieses Wandels — und hier liegt der entscheidende Punkt für jeden, der die Signale auf den Drähten lesen will — bleibt im Ungefähren. Eine Plattform ist das Skelett, an dem sich der Wahlkampf messen lassen muss: Welche konkreten Gesetzesinitiativen wird Segalovitz einbringen? Welche Ressorts wird er für sich beanspruchen? Welche arabischen Anliegen — Wohnraummangel, Kriminalitätsbekämpfung in den Stadtteilen, kommunale Selbstverwaltung, Anerkennung des Status der Minderheit — sollen mit welchen jüdischen Brückenthemen verbunden werden? Welche Verbindungen zu seinem alten Yesh-Atid-Umfeld bleiben bestehen?
Sicher ist: Rechte Parteien kritisieren den Schritt bereits scharf. Wie Yesh Atid auf den Abgang ihres bisherigen Mannes reagiert, ist noch offen. Sicher ist auch: Am 27. Oktober wird Raam mit einem jüdischen Listenplatz ins Rennen gehen — und die Frage, was genau dieser Listenplatz programmatisch trägt, wird die politische Debatte bis dahin bestimmen.
Die Drähte summen weiter. Wir hören mit.
❖ Ende des Artikels ❖
