Der Dollar verliert die Frequenz
Mein Empfänger rauscht seit Tagen. Ich sollte an dieser Stelle nicht sitzen — 1937, eine Frau an den Drähten der Währungspolitik, das ist keine Selbstverständlichkeit. Aber jemand muss zuhören. Irgendwo zwischen Jakarta, Stanford und London spricht jemand von einem Ton, der leiser wird. Nicht verstummt — aber leiser. Die Frequenz, auf die seit Jahrzehnten die halbe Welt ihren Empfänger eingestellt hat, sendet noch. Nur nicht mehr so klar, nicht mehr so selbstverständlich. Die Weltreservewährung — jenes Geld, in dem andere Länder ihre Reserven bunkern und ihre Rechnungen untereinander begleichen — verliert Hörer. Langsam. Stetig. Sicher.
Die Quelle ist ein Bericht aus Indonesien, Anfang September. Jakarta, Inter Press Service. Nüchtern formuliert, fast beiläufig: Der Dollar verliere seit Jahrzehnten an Boden. Was sich geändert habe, sei das Tempo. Es komme nicht mehr von außen — nicht von Konkurrenzwährungen, nicht vom Gold. Es komme aus Washington selbst. Politik, die niemand kommen sah. Politik, die niemand kommen sollte. "Deliberately unexpected actions" nennt das der Bericht — absichtlich unerwartete Schritte. Wer so sendet, darf sich nicht wundern, wenn die Empfänger umschalten.
Wer das Wie verstehen will, muss das Warum dahinter lesen. Die Vereinigten Staaten haben sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert. Die Industrie — die Fabrikhallen, die Werften, die Werkbänke — ist leiser geworden. Heute produzieren die USA weniger als ein Zehntel der weltweit gehandelten Güter. Gleichzeitig ist das Land zur Schaltzentrale des Finanzkapitals geworden. Eine Volkswirtschaft, die mehr verwaltet als herstellt. Das ist die Maschinerie, die das Dollar-Regime trägt: kein Warenstrom, sondern ein Vertrauensstrom. Solange die Welt dem Strom vertraut, hält das System. Wenn der Strom stottert, wird es eng.
Und im April — Stanford, Graduate School of Business — da stotterte er. Eine für viele Beobachter überraschende Bewegung: Investoren warfen Dollar-Anleihen ab, als wären sie nicht mehr so sicher wie Gold. Beides zugleich. Das US-Schatzamt und der Dollar selbst, über Jahrzehnte der sichere Hafen, wurden aus den Depots der Welt geschoben. "Es war eine Überraschung", sagt die Ökonomin Krishnamurthy. Auf den Repo-Märkten — den Kurzstrecken-Leitungen, über die sich Banken und große Häuser über Nacht Geld leihen, hinterlegt mit Staatspapieren — zeichnete sich dasselbe Muster ab.
Wenn der sichere Hafen nicht mehr sicher ist, wird die Frage mechanisch: Wer verlässt den Kanal? Wer bleibt? Wer zahlt den Preis?
An dieser Stelle kommt das dritte Signal ins Bild. London, OMFIF — das Forum der Notenbanker und Finanzminister. Deren Diagnose ist präzise und für jeden, der die Drähte kennt, fast beunruhigender als ein Crash: "Dissatisfaction without displacement." Unzufriedenheit ohne Ablösung. Die Welt ist unzufrieden mit dem Dollar — mit seiner Politik, seinen Schwankungen, seinen Überraschungen. Aber sie hat noch keine Alternative gefunden, die breit genug ist, um ihn zu ersetzen. Das klingt beruhigend. Es ist das nicht.
Eine Frequenz, die niemand mehr verlassen will, aber auch niemand mehr gerne hört: das ist kein stabiles Signal. Das ist ein Sender, der sendet, weil noch keiner den Stecker gezogen hat. Die Reserveportfolios der Notenbanken bleiben dollar-lastig. Noch. Die institutionellen Grundlagen, die das System tragen, sehen Risse. Das Vertrauen bröckelt nicht laut. Es bröckelt leise, in Verhandlungsräumen, in Handelsabkommen, in Notenbankbeschlüssen, über die keine Schlagzeile berichtet.
Wer kontrolliert das? Im Moment noch immer die US-Regierung und die Federal Reserve — der Sender sitzt in Washington. Wer profitiert? Wer sein Vermögen in Dollar hält, solange alle anderen es auch tun. Wer zahlt den Preis? Länder, die in Dollar verschuldet sind. Arbeiter in Fabriken, die längst geschlossen wurden. Sparer, deren Guthaben an einer Währung hängt, deren Wert nicht mehr von Waren, sondern von politischen Überraschungen bestimmt wird.
Die offene Frage, die über diesem ganzen Bild liegt: Welche geopolitischen Scharniere werden den Wandel katalysieren? Eine Krise, ein Konflikt, ein neues Abkommen? Eine Reservewährung verschwindet nicht über Nacht. Sie verschwindet, weil irgendwann ein Staat, eine Notenbank, ein Bündnis den Stecker zieht — oder weil so viele kleine Stecker gezogen wurden, bis das Signal verstummt.
Ich übersetze weiter. Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Die Drähte summen. Der Dollar sendet noch. Aber seine Empfänger werden weniger.
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