BILLIGSTROM MIT ZEHN LÖCHERN: Wie der Tory-Plan an der Physik zerbricht
London, im Hochsommer 2026. Die Drähte summen. Die Konservativen legen einen Bericht der Denkfabrik Onward vor, der die britische Energiepolitik umdrehen will: weniger Wind und Sonne, mehr Gas, mehr Kernkraft. Im Vorwort wirbt Schatten-Energieministerin Claire Coutinho für einen Pfad, der Wohlstand und Klima versöhnt — durch Elektrifizierung, angetrieben von billigem Strom. 320 Milliarden Pfund Einsparung, so das Versprechen.
Carbon Brief hat den Bericht Fachleuten vorgelegt. Das Urteil: zehn Risse im Fundament. Iain Staffell, Professor am Imperial College London, bringt es auf den Punkt — das Modell habe „mehr Löcher als ein Schweizer Käse".
Hier sind sie.
Erstens: Mehr Emissionen. Der Plan produziert bis 2050 zusätzliche 524 Millionen Tonnen Kohlendioxid. Wer Gas als Brücke wählt, baut eine Brücke zur Verbrennung.
Zweitens: Weniger Elektrifizierung. Mehr Wärmepumpen, mehr Elektroautos — das Kernversprechen — wird durch die eigenen Annahmen ausgehöhlt. Der Plan verlangsamt, was er beschleunigen will.
Drittens: Gaspreise. Niedrig und stabil, so der Bericht. Die letzten Jahre beweisen das Gegenteil. Gas ist der unberechenbarste Posten auf jeder Stromrechnung.
Viertens: Baukosten. Gaskraftwerke sind nicht billig, wenn man Infrastruktur und Brennstoffabhängigkeit einpreist.
Fünftens: Kernkraft. Hohe Kosten, chronische Lieferprobleme. Neue britische Reaktoren sind chronisch verspätet und chronisch über Budget.
Sechstens: Netzwerkkosten. Die Schätzungen „gehen nicht auf".
Siebtens: Systemintegration. Die Kosten, Erneuerbare ins Netz einzubinden, sind „weit abseits des Mainstream".
Achtens: Investorenvertrauen. Wer seine Klimapolitik alle paar Jahre umwirft, zahlt dafür an den Kapitalmärkten. Risikoaufschläge sind die stille Steuer der Unsicherheit.
Neuntens: CO2-Markt-„Einsparungen". „Nur ein Umräumen in einer Tabellenkalkulation", sagen die Fachleute. Was links rausfällt, taucht rechts wieder auf.
Zehntens: Langzeitspeicherung. Der Bericht „vereinfacht grob". Speicher sind kein Zubehör — sie sind das Rückgrat jedes kohlenstofffreien Netzes.
Nun zur Physik. Denn der Bericht erzählt nicht nur eine Geschichte über Geld — er erzählt eine über Zuverlässigkeit. Und hier wird es heiß.
Im Juni und Juli 2026 stiegen die Temperaturen in Europa über 40 Grad. In Frankreich — wo 70 Prozent des Stroms aus Kernkraft stammen — mussten drei von 57 Reaktoren abgeschaltet werden, sieben weitere drosselten. Die Produktion sackte um fast neun Prozent. Dieselbe Physik an Flüssen in ganz Europa: Niedrige Pegel, warmes Wasser, Kühlsysteme am Limit. Von 440 Reaktoren weltweit nutzen rund 60 Flusswasser zur Kühlung — 14 Prozent der Flotte.
Gaskraftwerke? Auch sie verlieren Effizienz bei Hitze. Dazu kommen Lieferengpässe und steigende Brennstoffkosten. Wind? Windgeschwindigkeiten sinken bei Hitzewellen häufig. Solar? Module arbeiten — aber die Nachfrage explodiert. In Frankreich stieg die tägliche Stromnachfrage während einer zweiwöchigen Hitzewelle im Juni 2026 um fast 20 Prozent.
Wer jetzt behauptet, Wind und Sonne seien die wackeligen Quellen und Gas und Kernkraft die zuverlässigen, hat die Rechnung ohne die Thermodynamik gemacht. Alle Quellen haben Schwächen bei Extremwetter. Der Unterschied: Erneuerbare lassen sich kombinieren — Wind aus dem Norden, Sonne aus dem Süden, Speicher als Puffer. Ein Gaskraftwerk hat keine Schwester, die einspringt, wenn das Kühlwasser warm wird.
Wer kontrolliert das, wer profitiert, wer zahlt den Preis — das sind die Fragen, die der Bericht nicht stellt.
Der Onward-Bericht erzählt eine gute Geschichte. Nur leider eine, die an der nächsten Hitzewelle zerbricht — und an jedem Winterabend, wenn der Wind flaut und die Sonne längst weg ist.
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze. — Ada Voss
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