Der Sixpack als Staatsziel: Wie fünfzig Kilo Verlust zur öffentlichen Verhandlung werden
Fünfzig Kilo. Das ist kein Gewicht, das ist eine Kriegserklärung an den eigenen Körper. Sandra Safiulov, im Funkverkehr der sozialen Netze besser bekannt als SelfieSandra, hat diese Kriegserklärung hinter sich. Jetzt steht sie vor dem nächsten Feldzug: Sixpack bis Sommer 2027, mindestens minus zwanzig Kilo auf dem Weg dahin. Wer den Sender „4 Schwestern" einschaltet, hört eine Siebenundzwanzigjährige, die sich selbst vermisst — und sich vermessen lässt.
Die Mechanik dahinter ist so alt wie die Vermessung selbst. Wer sich öffentlich wiegt, macht den Körper zur Bühne. Die Ex-„Let's Dance"-Kandidatin trat an, das Publikum sah zu, RTL sah Potenzial und offerierte einen Moderationsjob. So funktioniert das Geschäft: Transformation als Ware, Sichtbarkeit als Zahlungsmittel. correctiv, unsere Faktenprüfer, formulieren es nüchtern — wer abnimmt, wird belohnt; wer zunimmt, verschwindet aus der Sendezeit.
Interessant wird es beim Blick auf die Methoden. Safiulov räumt ein: Wasserdiät, eine Woche gar nichts. Die Apotheke der Verzweiflung. Jetzt also Sport. Zwanzig Minuten Spaziergang täglich, „Schweinehund bekämpfen". Der Begriff ist alt, die Maschine neu. Dahinter steht ein simples Versprechen: Du kannst es schaffen, wenn du nur willst. Die Willensreligion hat ihre Liturgie gefunden — und ihre Sündenböcke.
„Vielleicht schaffe ich das Ziel aber auch gar nicht", sagt sie selbst. Dieser Satz ist der einzige ehrliche Frequenzwert in der ganzen Übertragung. Er sagt: Die Inszenierung kennt kein Ende. Wer das Ziel erreicht, braucht ein neues. Wer scheitert, hat nicht hart genug gekämpft. Das System kennt nur Vorwärts, kein Ankommen.
Bis Dezember will sie „die sportlichste Version von mir selbst sein". Eine sportlichste Version. Als gäbe es vom Ich mehrere Ausfertigungen, zwischen denen man wählt wie zwischen Radiosendern. Wer definiert, welche Version zählt? Wer profitiert von der Auswahl? Die Antwort liegt in den Werbeblöcken, die zwischen den Podcast-Folgen laufen.
Fünfzig Kilo sind weg. Zwanzig sollen folgen. Die Waage als Tacho, der Körper als Fahrzeug, der öffentliche Erfolg als Straße. Die Insassen wechseln, die Mechanik bleibt. Ich notiere: Transformation ist keine Therapie, sondern ein Vertrag — und Verträge werden in der Öffentlichkeit geschlossen, damit niemand sie vergisst.
Safiulov warnt vor Nachahmung. Vernünftig. Aber wer dasitzen bleibt mit seinem Schweinehund und den zwanzig Minuten, der hört die Botschaft trotzdem: Du könntest mehr sein, wenn du nur — Das „Wenn" ist der eigentliche Sender. Er sendet Tag und Nacht, und er lässt sich nicht abschalten.
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