Börse 1937
Terminal Tribune

2. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Kapital im Fieber: KI-Rechenzentren verbrennen, was das Netz nicht geben kann

2. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Diesmal aus Rechenzentren in Virginia, Texas, Irland — wo Maschinen rechnen, die nichts anderes tun als das. Dreihundert Milliarden Dollar jährlich sollen in den nächsten Jahren in Beton, Kabel und Klimaanlagen für diese Anlagen fließen. Morgan Stanley schätzt die Gesamtsumme bis 2028 auf drei Billionen Dollar. 1,4 Billionen davon bringen die Hyperscaler aus eigener Liquidität auf. Der Rest wandert über Anleihen und Privatinvestoren in ein System, das seine eigenen Erträge noch nicht kennt.

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In den Vereinigten Staaten explodieren die Ausgaben für den Bau solcher Anlagen. Im Juli lagen sie bei einer saisonbereinigten Jahresrate von 75 Milliarden Dollar — 6,2 Prozent über dem Vormonat, 57 Prozent über dem Vorjahr. Seit Anfang 2021 summiert sich der Anstieg auf 717 Prozent, berichtet Wolf Richter unter Berufung auf Census-Daten. Eine Kurve, die sich beinahe exponentiell nennt.

Exponentiell — das ist das Wort, das Analysten benutzen, wenn sie nicht wissen, wie lange der Rausch noch hält. Erfahrungsgemäß brennen solche Kurven irgendwann ab. Manchmal mit einem Knall, manchmal langsam. Doch bevor sie enden, fressen sie Geld und Geduld in Mengen, die kein Geschäftsbericht mehr erklären kann.

Und hier beginnt die Reibung.

Die Rechenzentren, die jetzt aus dem Boden gestampft werden, sind keine Lagerhallen mit ein paar Klimaanlagen. Manche von ihnen sollen mehrere Gigawatt Strom schlucken — das ist die Leistungsfähigkeit eines Kohlekraftwerks, nur dass der Strom nicht in Wohnungen fließt, sondern in Prozessoren, die Sprache in Zahlen verwandeln. Das Netz, das diese Mengen liefern soll, ist darauf nicht vorbereitet. Es ist nie darauf vorbereitet worden.

In dutzenden US-Bundesstaaten haben Bürger und Kommunalpolitiker genug gesehen. New York verhängte ein einjähriges Moratorium, bis die Regulierung steht. Weitere Bundesstaaten ziehen nach. Die Sorgen, die in den Anhörungen auftauchen, sind nicht abstrakt: steigende Strompreise für Privathaushalte, Blackouts im Sommer, Wassermangel, weil Kühltürme Unmengen von Grundwasser ziehen. Dazu kommen Dieselaggregate und Gasturbinen, die direkt neben den Anlagen laufen — als Notstrom, weil das öffentliche Netz nicht reicht.

Die Bauwirtschaft hat die Reibung erkannt — und beschleunigt. Wolf Richter zitiert eine Meldung der WSJ über die Tricks, mit denen die Zeit zwischen Spatenstich und Inbetriebnahme verkürzt wird. Der Zementhersteller Amrize nutzt vorausschauende Modellierung, um Betonmischungen am Reißbrett zu entwerfen — wochenlanges Probieren fällt weg. Stanley Black & Decker und August Robotics haben einen Roboter entwickelt, der Tausende Löcher für die Verankerung von Server-Racks in den Boden bohrt. Sechs Wochen Bauzeit gespart. Was hier entsteht, ist nicht nur ein Gebäude. Es ist ein industrielles System, das schneller sein muss als die Konkurrenz — und die Konkurrenz schläft nicht.

Die 75 Milliarden Dollar, die in der Statistik stehen, sind nur die Spitze. Sie umfassen das Gebäude, die Außenanlagen, die integrierten Kühlsysteme. Was nicht in der Zahl steht, sind die teuersten Teile: die Server selbst, die Racks, die Glasfaserleitungen, die Stromverteilung innerhalb der Halle, die Generatoren, die Übertragungsleitungen. Wer die Gesamtkosten wissen will, muss eine andere Quelle fragen.

Und genau hier beginnt die unbequeme Frage.

Wo soll das Geld herkommen, das diese Anlagen rechtfertigt? Die Annahme: KI wird in den nächsten Jahren Billionen an neuen Einnahmen generieren. Wer das bezweifelt, schweigt besser. Wer es ausspricht, wird abgestraft. CNN rechnet vor: Zehn Billionen Dollar Investitionen stehen im Raum — ein Volumen, das Volkswirtschaften neu ordnet. Die Aktien, die diesen Boom tragen, heißen heute GPU. Und im Gegensatz zu früheren Infrastrukturzyklen verlieren GPUs rapide an Wert, technisch wie bilanziell. Wolf Richter notiert: Wenn die Manie endet und die Verträge platzen, werden die Prozessoren für Pennies verkauft — an Bastler, die in ihren Kellern Homelabs betreiben. Das ist kein Wertverlust. Das ist eine Implosion.

Was bleibt, sind Gebäude, die Strom fressen. Beton, der niemandem mehr dient. Glasfaser, die ins Leere läuft. Der Mangel an Elektrikern ist heute schon Realität, Halbleiter und Speicherchips werden knapp, die Preise steigen. Die Arbeit, die das System am Laufen halten soll, fehlt bereits.

Wer kontrolliert das? Wer profitiert? Wer zahlt den Preis, wenn die Kurve bricht? Die Aktionäre, die jetzt einsteigen. Die Stromkunden, deren Tarife steigen, weil Großverbracher das Netz bis zum Anschlag füllen. Die Steuerzahler, die später die Subventionen tragen. Die Arbeiter, die in den Hallen schuften, bevor die Hallen leer stehen.

Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Ich übersetze Frequenzen, die anderen zu hoch sind. Was ich diesmal höre, ist kein Kanonendonner. Es ist das leise Summen von Transformatoren, die bis zum Anschlag laufen. Es ist das Klappern von Baukränen, die nachts nicht stillstehen. Es ist die Stille in den Räumen der Aufsichtsbehörden, in denen noch niemand sagen will, dass diese Kurve gegen die Physik gezeichnet wurde.

Die Physik verhandelt nicht.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT AI Data Center investment mania is going exponential

    „Since the beginning of 2021, monthly construction spending on data centers has spiked by 717%, along a near-exponential curve:“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Money gets thrown at hurdles & shortages / Money is being spent heavily on overcoming hurdles and shortages

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 1 davon belegt · 4 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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