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2. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Die Strafe, die keine ist: Wie Krebskonzerne Bußgelder als Spesen verbuchen

2. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Es riecht nach Lötzinn in meinem Büro, und der Kaffee ist seit Stunden kalt. Auf dem Draht liegt eine Meldung aus der Zukunft, die ich Ihnen trotzdem übersetze, weil sie genau die Sorte Tonträger ist, die wir zwischen den offiziellen Frequenzen hören müssen: Krebsmittel-Hersteller auf der ganzen Welt werden bestraft. Regelmäßig. Großzügig. Und es macht ihnen nichts aus.

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Der internationale Rechercheverbund ICIJ hat eine Auswertung von Vollstreckungsmaßnahmen gegen Krebskonzerne veröffentlicht. Das Ergebnis ist eine ruhige Anklage. Bußgelder und Vergleichszahlungen in Milliardenhöhe, ja. Aber was sie bei den Jahresumsätzen dieser Firmen anrichten? Weniger als ein Kratzer im Lack. Und was sie an künftigem Fehlverhalten ändern? Anscheinend nichts.

Man nehme die Geschichte von Babalwa Malgas und Tobeka Daki. Zwei Frauen aus dem Township Mdantsane, keine enge Freundschaft, bis die Diagnose sie zusammenwarf. Beide Brustkrebs. Beide allein erziehend. Beide ohne finanziellen Schutzschild. Daki brauchte 2013 eine Mastektomie, Chemotherapie und Herceptin von Roche. Kostenpunkt: rund 36.000 Dollar für die Jahresdosis, etwa das Vierfache eines südafrikanischen Durchschnittshaushalts. Sie konnte es nicht bezahlen. Sie starb im November 2016 zu Hause, 49 Jahre alt. Ihre Freundin kam dreißig Minuten zu spät.

Der Fall steht hier nicht, weil er besonders ist. Er steht, weil er die Mechanik zeigt, die ICIJ dokumentiert: Patentmissbrauch, überhöhte Dosierungen, Ausnutzung regulatorischer Abkürzungen, Gesetzesverstöße. Daki wurde zur Symbolfigur einer Bewegung, die Roche öffentlich anprangerte. Slogan: „My cancer, your profit." Die Frauen lernten das Wort Gier von Roche, sagte Malgas, und ihr Kampf ging über diesen einen Konzern hinaus.

Das Muster ist immer dasselbe. Vergehen werden aufgedeckt, Verfahren eingeleitet, Summen werden genannt, die in jeder anderen Branche eine Schockwelle auslösen würden. Drei Milliarden Dollar Strafe gegen einen Pharmariesen, notiert das TIME-Magazin in seiner Aufstellung der größten Vergleiche, und selbst diese Zahl knabbert kaum an den Gewinnen der betroffenen Medikamente. Die New York Times berichtete 2017, dass Celgene 280 Millionen Dollar zahlte, um einen Betrugsprozess wegen Krebsmitteln beizulegen, einer der größten Vergleiche in einer langen Reihe, die alle dasselbe Versprechen brachen: dass es diesmal wehtun würde. Die Plattform Drugwatch fasst die Mechanik nüchtern zusammen, dass die Patientinnen und Patienten den Preis vorne zahlen und die Konzerne den Schaden hinten als Betriebsausgabe.

Und dann gibt es den nackten Kapitalismus, der zuweilen die Wahrheit schreibt, auch wenn er sie anders verpackt. Über einen Pfizer-Vergleich hieß es dort, die Summe sei „ein Tropfen auf den heißen Stein" im Vergleich zu dem, was der Konzern mit den fraglichen Präparaten verdiente. Es sei unwahrscheinlich, dass dieses Ergebnis künftiges Fehlverhalten abschrecke. Das war 2018.

Jetzt schreiben wir 2025, und ICIJ zieht Bilanz für eine ganze Klasse von Unternehmen. Das Bild, das sich aus den Vollstreckungsakten ergibt, ist nicht das eines deregulierten Marktes. Es ist das Bild eines Marktes, der reguliert wird, aber dessen Strafen so kalkuliert sind, dass sie als Geschäftsrisiko auf der zweiten Seite der Bilanz landen. Die Konzerne kalkulieren. Sie kalkulieren den Schaden eines Vergleichs mit ein, wie ein Spediteur den Dieselpreis. Sie kalkulieren die Wahrscheinlichkeit einer Anklage. Sie kalkulieren die Zeitspanne zwischen Vergehen und Urteil, die lang genug ist, dass die Gewinne längst eingefahren sind. Was sie nicht kalkulieren, sind die Toten.

Ich habe in meiner Laufbahn als Telegraphistin gelernt: Wenn das Signal zu sauber klingt, ist es meistens verschlüsselt. Hier ist die Verschlüsselung nicht die Frequenz, sondern die Zahl. Eine Milliarde klingt nach einem Beben. Für einen Konzern, der in einem Jahr mit einem Krebsmedikament ein Mehrfaches davon umsetzt, ist es ein Posten auf einer Seite der Buchhaltung. Die Patientin, die das Medikament braucht und nicht bekommt, kommt in keiner Bilanz vor.

Die ICIJ-Recherche zeigt, was Regulierung leistet, wenn die Strafen klein genug sind, um absorbiert zu werden. Sie zeigt Vergehen, die sich wiederholen, bei denselben Firmen, mit denselben Methoden. Sie zeigt, dass Aufsicht existiert, aber dass Aufsicht ohne abschreckende Wirkung nur Theater ist. Bühne frei, Licht an, Strafe verkündet, Vorhang zu. Im Hintergrund verschiebt sich nichts.

Wer kontrolliert das, wer profitiert, wer zahlt den Preis? Die Aktionäre profitieren. Die Vorstände behalten ihre Sitze. Die Anwaltskanzleien, die die Vergleiche aushandeln, verdienen an beiden Enden. Und die Frauen in Mdantsane, die Söhne allein aufziehen, die vor Gericht stehen und dreißig Minuten zu spät zum Abschied kommen, zahlen. Sie zahlen in voller Währung.

Mein Lötkolben ist noch warm. Der nächste Draht summt bereits.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 1 von 3 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Big fines and settlements were issued against cancer drugmakers.

    „Some cancer drugmakers face allegations of wrongdoing — again and again — and are not deterred when they have to pay fines or large settlement payments.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT These financial penalties barely reduced the companies' revenues.

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  3. ZITAT The penalties failed to deter wrongdoing.

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 1 davon belegt · 4 externe Belege · 3 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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