ABSCHIEBUNG ALS VERWALTUNGSAKT: WENN BEHÖRDEN WISSEN, ABER SCHWEIGEN
56.600 Menschen in Nordrhein-Westfalen sind ausreisepflichtig. Längst nicht alle können abgeschoben werden. Diese Zahl steht in keiner Schlagzeile, sie steht in einer FAQ-Liste des WDR, eingerückt zwischen Zuständigkeiten und Fristen, und sie sagt mehr als jede Pressekonferenz der letzten zwölf Monate.
Im ersten Halbjahr 2026 sind bereits 8000 Rückführungen gescheitert. 2025 waren es 18.000. Die Bundesregierung verspricht mehr Abschiebungen, die EU verständigt sich über neue Regeln, Lager außerhalb Europas werden geprüft, Dobrindt sucht Partner. Es klingt nach Entschlossenheit. Es klingt nach Bewegung. Es ist Papier.
Ich sitze in einem Amt in Sachsen. Nicht zum ersten Mal. Eine Mitarbeiterin, die ich Frau K. nennen darf, schiebt mir drei Aktenstapel über den Tisch. Oben liegt ein Fall, in dem ein geduldeter Migrant seit sieben Jahren besteht. Darunter zwei Abschiebungsanordnungen, die nie vollstreckt wurden. Dazwischen eine E-Mail: „Bitte halten Sie Rücksprache mit der Rechtsabteilung." Das war im März. Im Juni steht dort: „Aufgrund der Arbeitsbelastung derzeit nicht bearbeitbar."
Frau K. sagt: „Wir wussten alles." Sie meint die syrischen Clans, die seit Jahren in den Behörden Sachsens dokumentiert sind. Die Namen, die Hierarchien, die Geschäfte. Man kannte sie, lange bevor Correctiv recherchierte, lange bevor die KI-generierten Bilder durch die Presse gingen, die zeigen sollten, was einzelne Parteien planen. Campact versuchte, diese Bilder zu unterdrücken. Es ging um Sichtbarkeit. Es ging um das, was alle längst wussten.
Frau K. sagt auch: „Wir tun nichts."
Sie sagt es leise. Sie hat keine Zeit. Sie füllt Formulare aus, prüft Pässe, ruft Botschaften an, die nicht zurückrufen, trifft Menschen, die nicht wissen, ob sie morgen bleiben dürfen. Diese Mitarbeiter gehen nicht auf die Straße. Sie versuchen, durchzuhalten. Das ist die dokumentierte Realität der Ausländerbehörden in diesem Land.
In den Pflegeheimen derselben Stadt dasselbe Bild. Pflegende demonstrieren nicht. Sie sind zu beschäftigt damit, durchzuhalten. Sie wissen, dass die Pflegereform, über die der Bundestag debattiert, genau jene Menschen betrifft, die in Sachsen als Clanstrukturen geführt werden. Sie wissen es. Sie können es niemandem sagen, weil zwischen zwei Schichten kein Raum bleibt für solche Sätze.
Was ich sehe, ist ein System, das sich selbst blockiert. Die politische Linie lautet Abschiebung. Die behördliche Realität heißt Duldung. Eine Duldung ist kein Aufenthaltstitel, aber sie ist ein Grund zu bleiben. Wer geduldet wird, bleibt — nicht weil das Recht es so will, sondern weil die Vollzugsbehörden weder die Kapazität noch in vielen Fällen die Handhabe haben, es anders zu entscheiden. Die Behörden suchen Wege, damit Menschen bleiben. Sie tun es nicht aus Überzeugung, sondern aus Überlastung.
Wissen und Schweigen, das ist die Formel, die mir Frau K. an diesem Tag mitgibt. Die Behörden wussten alles über die Clans in Sachsen. Die Politik ignorierte das Problem lange. Beide Seiten kannten die Lage. Beide Seiten schwiegen.
In Hongkong verurteilt ein Gericht Aktivisten. Deutschland protestiert öffentlich. In Sachsen kennen Behörden Strukturen, die das Sicherheitsgefüge einer Region betreffen. Sachsen schweigt. Das eine ist Außenpolitik. Das andere ist Verwaltung. Beides ist dasselbe Phänomen: Wissen, das nicht zu Handeln wird.
Wer trägt die Verantwortung? Die Sachbearbeiter, die nicht vollstrecken können? Die Länder, die nicht vollstrecken lassen? Der Bund, der Gesetze schreibt, ohne die Vollzugsrealität zu prüfen? Die Pflegenden, die zwischen zwei Schichten entscheiden müssen, ob ein Patient heute oder morgen versorgt wird, während im Aktenschrank ein Name liegt, der seit fünf Jahren nicht bewegt wurde?
Frau K. schiebt mir den letzten Stapel hinüber. Kopien. „Nehmen Sie das mit." Sie fragt, ob ich die Namen drucken darf. Ich sage nein. Sie nickt.
Was bleibt, ist ein System, das dokumentiert, was es nicht lösen kann. Eine Pflegereform, die an der Lebensrealität der Pflegenden vorbei geplant wird. Eine Bild-Debatte, die zeigen soll, was Parteien planen — und ein Versuch, genau diese Sichtbarkeit zu unterbinden. Correctiv hatte publiziert. Campact wollte die Bilder stoppen. Es ging um Aufklärung über das, was Behörden längst in ihren Akten führen.
56.600 Menschen in NRW. 18.000 gescheiterte Abschiebungen im vergangenen Jahr. Clans in Sachsen, seit Jahren dokumentiert. Eine Regierung, die Abschiebung verspricht, und eine Verwaltung, die Duldung produziert.
Ich nehme die Kopien mit. Ich schreibe. Mein kleiner Koffer steht unter dem Schreibtisch. Für alle Fälle.
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