Börse 1937
Terminal Tribune

3. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Google spielt Roulette — und das Web zahlt den Einsatz

3. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

Die Drähte summen. Diesmal aus einem anderen Jahrhundert, aber das Prinzip ist dasselbe: Wer die Frequenz kontrolliert, kontrolliert die Information. Google hat die Frequenz. Und nun spielt der Konzern mit den Antworten ein Spiel, das die Nichtregierungsorganisation AlgorithmWatch unverblümt als Roulette bezeichnet.

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Im September wird in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt. AlgorithmWatch hat im Juli fast 4.500 Suchanfragen an Google gerichtet — zu allen drei Landtagswahlen — und die Antworten ausgewertet, die Googles KI-Übersichten liefern. Das Ergebnis: Es ist nicht nachvollziehbar, wann Google diese Übersichten einblendet, welche Quellen herangezogen werden und warum.

Seit Anfang 2025 spielt Google KI-erzeugte Informationshäppchen bei rund der Hälfte aller Suchanfragen in Deutschland aus. Die Übersichten erscheinen über den klassischen Suchergebnissen. Sie beantworten die Frage direkt. Der Klick auf die Quelle, der früher selbstverständlich war, entfällt. Heise bringt es auf eine Formel: Jede KI-Antwort killt einen Klick. Google schickt also immer weniger Besucher auf externe Angebote.

Das ist der Mechanismus, der hier zählt. Eine Suchmaschine war bislang ein Türöffner: Sie verwies auf Seiten, die Seiten bekamen Traffic, die Seiten finanzierten sich über diesen Traffic — und schrieben neue Inhalte. Diese Inhalte waren der Rohstoff, aus dem die KI ihr Wissen zog. Wer den Rohstoff erzeugt, gerät in ein Dilemma: Weniger Besucher bedeuten weniger Einnahmen, weniger Einnahmen bedeuten weniger Produktion, weniger Produktion bedeutet weniger Nachschub für die nächste Runde. Das System knabbert sich selbst auf. Web-Kannibalisierung nennt das die Branche, und sie läuft auf Hochtouren.

AlgorithmWatch hat das am Wahlthema nachgezeichnet. Bei wahlbezogenen Fragen wird die KI-Übersicht seltener eingeblendet als bei unpolitischen — Google scheint im Hintergrund besondere Maßnahmen für Wahlen zu ergreifen, schreibt die Organisation. Welche genau, bleibt offen.

Wenn die Übersicht erscheint, dann aus einer begrenzten Quellenauswahl. Die Formulierungen seien nicht neutral, sagt die Studie. Google selbst gebe keine Auskunft darüber, nach welchen Kriterien die Übersichten angezeigt werden. „Damit gestaltet der Konzern den Zugang zu politischen Inhalten augenscheinlich willkürlich", zitiert netzpolitik.org die Organisation. „Ein solches Informationsroulette kann negative Auswirkungen auf die politische Meinungsbildung haben und damit zu einem Problem für die Demokratie werden."

Die Untersuchung nutzte eine Schnittstelle, die der Digital Services Act Forschern zugänglich macht — die „Search Researcher Result"-Softwareschnittstelle. Über sie lassen sich bestimmte interne Daten abrufen und analysieren. AlgorithmWatch wertete die 4.500 Anfragen aus, verglich Überschriften, Quellen, Tonalität. Systematik? Fehlanzeige. Fragen nach Umfragen lösten durchgängig keine KI-Übersicht aus, andere wahlbezogene Fragen manchmal, manchmal nicht. Roulette eben.

Hier sitzt der Kern: Es gibt kein veröffentlichtes Regelwerk. Es gibt keine Dokumentation, die verrät, wann die KI antwortet und wann sie schweigt. Es gibt nur eine Blackbox, die Millionen von Suchanfragen am Tag sortiert — und darüber entscheidet, welche Quelle wann sichtbar ist.

Heise nennt Google inzwischen „keine klassische Suchmaschine mehr", sondern einen Beantworter. Das ist ein Unterschied. Eine Suchmaschine listet. Ein Beantworter wählt aus. Die Auswahl ist die Macht.

Für die Terminal Tribune heißt das: Wer Webseiten betreibt, betreibt sie zunehmend für eine Maschine, die ihre Inhalte schluckt, aber den Leser nicht mehr vorbeischickt. Wer Wahlen dokumentiert, weiß nicht, ob seine Recherche als Übersicht erscheint, als Link ganz unten oder gar nicht. Wer Demokratie beobachtet, sieht einen Konzern, der über den Zugang zu politischen Informationen entscheidet — ohne Auskunft über seine Spielregeln.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 3 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Google frisst das Web

    im Titel der Quelle gefunden

  2. ZITAT Der sinkende Web-Traffic wird durch KI bedingt

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  3. ZITAT KI-Ergebnisse bei Google sind eine Informationsroulette

    „Ein solches Informationsroulette kann negative Auswirkungen auf die politische Meinungsbildung haben und damit zu einem Problem für die Demokratie werden“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

2 Quellen · 2 davon belegt · 4 externe Belege · 3 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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