FREISPRUCH IN VALLETTA – EINE MASCHINE DIE SICH SELBST REPARIERT
Neun Jahre nach dem Mord an Daphne Caruana Galizia hat eine Jury in Malta den Unternehmer Yorgen Fenech in beiden Anklagepunkten freigesprochen. Acht gegen eine Stimme. Der 44-Jährige, der als mutmaßlicher Drahtzieher des Autobombenanschlags vom Oktober 2017 vor Gericht stand, verließ am Mittwochabend das Gericht in Valletta durch den Haupteingang, ohne ein Wort an die Presse. Seine Angehörigen hatten gejubelt. Die Geschworenen hatten nach achtstündiger Beratung entschieden.
Fenech war angeklagt wegen Beihilfe zum freiwilligen Totschlag und wegen krimineller Vereinigung zur Begehung eines Verbrechens. Im Falle einer Verurteilung hätte ihm eine lebenslange Haftstrafe gedroht. Richterin Edwina Grima ordnete unmittelbar nach der Urteilsverkündung seine Freilassung aus der Untersuchungshaft an. Um 19:30 Uhr verkündete die Vorsitzende das Votum.
Was die Depeschen am Mittwoch nicht sofort zeigen, ist der Widerspruch im System. The Guardian meldete noch am Abend, die Staatsanwaltschaft werde Berufung gegen das Urteil einlegen. Eine offizielle Bestätigung der maltesischen Behörden blieb zunächst aus. Wer die Maschine Justiz seit Jahren beobachtet, kennt das Muster: Das Urteil wird gesprochen, die behördliche Reaktion sickert in Häppchen nach. Beide Versionen sind wahr – und beide verschleiern dieselbe Leerstelle. Solange das Berufungsverfahren nicht förmlich eröffnet ist, bleibt der Freispruch der einzige Systemzustand, der verlässlich auf den Drähten liegt.
Galizia war eine der profiliertesten Investigativjournalistinnen Maltas. Sie berichtete über Korruption, Geldwäsche und organisierte Kriminalität, unter anderem im Rahmen der Panama-Papers-Recherche – jener Leak aus einer panamaischen Anwaltskanzlei, der Offshore-Strukturen offenlegte und Spitzen der maltesischen Regierung in Bedrängnis brachte. Am 16. Oktober 2017 detonierte eine Autobombe in ihrem Wagen. Sie wurde 53 Jahre alt.
Fenech galt in den Ermittlungen als möglicher Auftraggeber. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vor, 150.000 Euro an die Killer gezahlt zu haben. Er war Direktor eines Kraftwerkskonsortiums und einer Offshorefirma in Dubai – genau jenen Strukturen, denen Galizia auf der Spur war, als sie starb. Er wies alle Vorwürfe zurück und verwies im Prozess auf seinen einstigen Freund Keith Schembri, den früheren Stabschef des damaligen Premierministers Joseph Muscat. Die Polizei sagte vor Gericht, Schembri sei nie ein Verdächtiger gewesen. Er bestreitet jede Rolle.
Der Fall war der letzte Mosaikstein einer Reihe von Verfahren. Insgesamt wurden sieben Männer im Zusammenhang mit dem Mordkomplott angeklagt. Drei sitzen bereits in Haft. 2021 wurde ein Mittäter zu 15 Jahren verurteilt, der ein Geständnis abgelegt hatte. 2022 erhielt das Brüderpaar George und Alfred Degiorgio eine 40-jährige Haftstrafe. 2025 wurden Robert Agius und Jamie Vella als Bombenlieferanten zu lebenslanger Haft verurteilt. Fenech war der letzte, der noch vor Gericht stand.
Der Mord hatte 2020 zum Sturz der Regierung Muscat geführt. Demonstranten warfen dem damaligen Premierminister vor, Freunde und Verbündete zu schützen. Eine 2021 veröffentlichte Untersuchung kam zu dem Schluss, dass die maltesische Regierung ein „Klima der Straflosigkeit" für jene geschaffen habe, die Galizia zum Schweigen bringen wollten. Muscat trat im Januar 2020 zurück. Fenech blieb im Geschäft.
Die Schwester der Getöteten, Corinne Vella, sagte nach dem Urteil: „Jeder ist jetzt mehr gefährdet, denn das signalisiert: Man kann Journalisten ungestraft töten." Der älteste Sohn der Journalistin sprach auf Facebook von einer „furchtbaren Entscheidung der Geschworenen, von der sich unser Land vielleicht nie erholen wird". Oppositionsführer Alex Borg forderte die sofortige Wiedereröffnung des Parlaments. Demonstranten versammelten sich am Mittwochabend vor dem Parlamentsgebäude in Valletta.
Die Familie Galizia erklärte in einer Stellungnahme: „Neun Jahre nach Daphnes brutaler Ermordung sind die institutionellen Versäumnisse, die ihren Mord ermöglicht haben, noch immer nicht behoben und nicht reformiert." Das ist der Satz, der zählt. Nicht das Urteil. Nicht die acht zu eins Stimmen. Die Strukturen, die diesen Mord ermöglicht haben, stehen weiter.
Für jemanden, der seit Jahren auf den Drähten sitzt, klingt das vertraut. Die Panama Papers – ein Datensatz von 11,5 Millionen Dokumenten, durchgesickert aus einer panamaischen Kanzlei – hatten Galizia die Werkzeuge geliefert. Sie hat sie benutzt. Sie hat den Draht freigelegt. Dann hat jemand den Draht durchgeschnitten.
Die Frage ist nicht, ob Fenech schuldig ist. Die Frage ist, warum eine Justiz neun Jahre braucht, um zu einem Ergebnis zu kommen, das eine Familie in Tränen auflöst und die andere in Jubel. Die Frage ist, warum drei Männer in Haft sitzen und ein vierter frei ausgeht. Die Frage ist, warum eine Berufung angekündigt wird, ohne dass die zuständige Behörde sie bestätigt.
Falls die Berufung kommt – und sie kommt vermutlich – beginnt das Spiel von vorn. Bis dahin ist das Urteil ein Systemzustand. Es dokumentiert keine Wahrheit. Es dokumentiert die Funktionsweise eines Apparats, der sich selbst repariert.
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