Fiasko in Texas: 533 Millionen Dollar, null brauchbare Granaten
Die Drähte summen. Diese Geschichte ist ein Geschenk für jeden, der schon immer wissen wollte, was passiert, wenn man eine halbe Milliarde Steuergelder durch ein schwarzes Loch schickt. Die Antwort lautet: Man bekommt eine Fabrik in Texas, die kein einziges brauchbares Artilleriegeschoss hervorbringt. Null. Niente.
Das Stück trägt den Titel "Fiasco in the Factory", aufgeführt von Jesse Coburn für ProPublica nach 36 Interviews mit Insidern aus der Army, dem Pentagon, General Dynamics und dem Weißen Haus. Die Bühne: eine hochmoderne Artilleriefabrik im Lone Star State. Der Hauptdarsteller: General Dynamics. Die Gage: 533 Millionen Dollar, gezahlt von amerikanischen Steuerzahlern. Das Ergebnis: keine einzige brauchbare Granate.
Ich übersetze die Frequenzen aus dem 21. Jahrhundert in klare Worte. Hört her.
Der Plot beginnt 2022. Russland marschiert in der Ukraine ein, die Biden-Administration will die Produktion von Artilleriegeschossen rasch hochfahren. General Dynamics ist zu diesem Zeitpunkt der einzige Hersteller der 155-Millimeter-Metallhülsen in den gesamten Vereinigten Staaten. Die Firma betreibt eine Anlage in Pennsylvania, die ein Jahrhundert auf dem Buckel hat. General Dynamics hätte schlicht das bewährte Herstellungsverfahren replizieren können, jene Methode, die bis in die Ära des Koreakriegs zurückreicht. Stattdessen schlägt der Konzern vor, eine hochmoderne Produktionslinie von Repkon einzusetzen — einem türkischen Unternehmen, das im amerikanischen Rüstungssektor praktisch unbekannt ist.
Hier hätte jeder vernünftige Einkäufer gefragt: Funktioniert die türkische Maschine überhaupt mit dem Stahl, den wir für die neue Generation der 155-mm-Hülsen verwenden? Repkon erklärte, die Technik werde anderswo bereits eingesetzt, allerdings für eine ältere, einfachere Granatenversion. Ob die Ausrüstung mit dem spezifischen Stahl der Armee zurechtkam, blieb zu Beginn vollkommen unklar.
Die Army vergab den Auftrag trotzdem. Im Eiltempo. Mit signifikanten Unbekannten im Lastenheft. Die Aufragsvergabe an General Dynamics erfolgte in einem überhasteten Verfahren, obwohl wesentliche Fragen zur Eignung der Technik offen waren — so die Quelle ProPublica. Drei unabhängige Zweitquellen, Nation of Change, Radio Free und der Daily Kos, bestätigen das Ausmaß des Desasters in Zahlen und Chronologie.
Was folgte, liest sich wie das Drehbuch einer schlechten Ingenieurskomödie, nur ohne Lachspur. Die überdimensionierten Roboterarme der Anlage fingen wiederholt Feuer. Das Herzstück der Fabrik, das Signature-Gerät, riss den Stahl, der eigentlich zu Granatenhülsen werden sollte. Arbeiter mussten regelmäßig mit Vorschlaghämmern auf bestimmte Maschinen einschlagen, um sie überhaupt zum Funktionieren zu bewegen. Die Maschinen versauten trotzdem fast jede Hülse. Es gab einen echten Containerbrand auf dem Gelände, weshalb der Begriff "boondoggle" — Geldverbrenner — durch die Berichte geistert.
Ein ehemaliger Mitarbeiter eines Army-Büros, das das Projekt überwachte, nannte das Ganze ein "absolutes Desaster". Ausschließlich anonym, wie die meisten anderen Quellen auch. Vertrauen ist in diesem Gewerbe ein rares Gut, verständlicherweise.
Die Army erklärte gegenüber ProPublica, sie übe "rigorous oversight" aus, und wo Auftragnehmer Vertragsspezifikationen nicht erfüllten, wie im Fall der General-Dynamics-Fabrik, prüfe man die Vertragserfüllung, versuche Rückforderungen eingezahlter Mittel und verlagere Ressourcen. Das klingt wie das übliche Sprachregelungs-Latein aus dem Pentagon. General Dynamics lehnte ein Interview ab, erklärte aber laut einem Bericht des zuständigen DoD-Inspekteurs, das Unternehmen habe "die Anforderungen erfüllt oder übertroffen". Eine Firmensprecherin sagte ProPublica, die Berichterstattung "verzerre die Umstände grundlegend". Auf die konkrete Nachfrage, welche Fehler genau gemeint seien, blieb eine Antwort aus.
Dreißigsechs Leute hat Coburn für diese Geschichte befragt, dazu interne Firmendokumente gesichtet, Fotos und Videos aus dem Inneren der Fabrik ausgewertet. Das Bild, das sich aus diesen Mosaiksteinen zusammensetzt, ist eindeutig: eine Mischung aus Eile, Größenwahn und Aufsichtsversagen.
Die eine offene Frage bleibt unbeantwortet im Raum stehen: Was waren die direkten Konsequenzen für die verantwortlichen Akteure? Die Armee spricht von Rückforderungen, liefert aber keine Zahlen, keine Namen, keine Termine. General Dynamics bestreitet das Versagen grundsätzlich. Köpfe rollen bislang nicht öffentlich sichtbar. Die Anlage produziert weiterhin keine brauchbare Granate, und 533 Millionen Dollar bleiben dort liegen, wo man sie vergraben hat.
Ich notiere für die Akten: Wenn die Army von "rigorous oversight" spricht und das Ergebnis null brauchbare Granaten sind, dann passt etwas nicht zusammen. General Dynamics sagt "Anforderungen erfüllt", die Fabrik produzierte nichts. Beide Aussagen können nicht gleichzeitig wahr sein. Die offizielle Aufarbeitung dieser Widersprüche, inklusive einer belastbaren Antwort auf die Frage nach Konsequenzen für die handelnden Personen, steht aus. Ich bleibe dran. Die Frequenz ist offen.
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