SHOWDOWN DER ERINNERUNGEN: TUPAC-MORD VOR GESCHWORENEN
Die Drähte summen. Aus Las Vegas kommt ein Signal, das sich seit dreißig Jahren nicht entziffern ließ — jetzt soll es vor Gericht gehört werden. Duane »Keffe D« Davis, 63, einstiger Chef der South Side Compton Crips, steht seit Montag in Las Vegas wegen Mordes an Tupac Shakur vor Richter Carli Kierny. Etwa fünfundsiebzig potentielle Geschworene wurden befragt; die Auswahl dauert eine Woche, der Prozess selbst einen Monat, vielleicht fünf.
Doch der Showdown beginnt mit einer Absage. Marion »Suge« Knight, der einzige lebende Augenzeuge der Tat, saß am Steuer des schwarzen BMW und überlebte den Kugelhagel aus dem weißen Cadillac. Er weigert sich auszusagen. »Dieser Prozess hat nichts mit mir zu tun, und wenn mich jemand vorlädt, wird es demjenigen schaden, der mich vorlädt«, sagte er vergangene Woche zu ABC News. Schon 2023 erklärte er gegenüber TMZ, die Polizei habe den Falschen verhaftet. Knight, 61, Mitgründer von Death Row Records, schweigt — und ist damit der lauteste stille Sender im Verfahren.
Die Anklage wiegt schwer. Davis wird beschuldigt, den Racheanschlag angeordnet und die Waffe geliefert zu haben — selbst hat er nicht geschossen. Bei Verurteilung droht lebenslange Haft ohne Bewährung. Er hat auf nicht schuldig plädiert.
Und genau hier beginnt die Frequenz zu rauschen. Die Staatsanwaltschaft stützt sich auf zwei Beweisstücke, beide aus Davis' eigenem Mund: ein Band seiner Befragung durch Detektive aus dem Jahr 2008, das der Jury vorgespielt wurde, und Auszüge aus seiner Autobiographie »Compton Street Legend«, 2019 erschienen. In dieser Mischung aus eigenem Geständnis und Memoiren liegt der Widerspruch, der den ganzen Fall trägt.
Denn Davis sagte 2008 aus, sein Neffe habe die Schüsse abgefeuert, die Shakur töteten. Heute wird er beschuldigt, eben diesen Mord befohlen zu haben. Die Anklage behauptet nicht, dass er am Abzug war — sie behauptet, er habe den Abzug in Auftrag gegeben. Davis hat also in zwei Richtungen gesprochen: erst gegen seinen Neffen, dann, so die Anklage, gegen sich selbst. Oder gegen niemanden. Genau das soll der Prozess klären.
Eine andere Frage stellt sich dem Band selbst: Spricht Davis dort als Zeuge unter Eid — oder als Informant in einem nicht offiziellen Gespräch? Die eine Lesart sagt: echte Aussage. Die andere sagt: ein Mann, der redet, weil es ihm nützt. Der Unterschied ist gewaltig. Wer entscheidet, in welche Schublade das Band gehört, entscheidet mit über Schuldspruch oder Freispruch.
Vor dem Gericht sprach William Lesane, der sich als Shakurs Cousin vorstellte, von dreißig Jahren Trauer. »Hoffentlich erfahren wir neue Informationen. Und vor allem: die richtige Person wird angeklagt und verurteilt«, sagte er. Der Satz klingt wie ein Stoßgebet.
Was bleibt offen? Das Motiv — ein Racheakt nach dem Streit im MGM Grand, wo Shakur an jenem Septemberabend 1996 einen Tyson-Kampf gesehen hatte, sechs Tage vor seinem Tod. Der genaue Ablauf — wer im Cadillac saß, wer den Befehl gab, wer die Waffe besorgte. Die Rolle Knights, der das letzte Puzzleteil wäre und es nicht hergeben will. Und nicht zuletzt jene Behauptung, Knight habe 1,2 Dollar für die Einäscherung bezahlt, während Freunde die Asche in einem Joint geraucht haben sollen — ein Detail, das kursiert und jeder Überprüfung standhalten muss. Hier trennt sich Erinnerung von Lüge.
Die Terminal Tribune hört weiter mit. Was sich anhört wie ein klarer Fall — ein Mann bestellt einen Mord, sein Neffe führt ihn aus, dreißig Jahre später wird angeklagt — ist in Wahrheit ein Stapel widersprüchlicher Frequenzen. Dass die Anklage ausgerechnet Davis' eigenes Buch und Davis' eigenes Band gegen ihn verwendet, zeigt, wie sehr dieser Fall auf seinem eigenen Kopf steht. Kippt er, kippt das ganze Bild.
Die Jury-Auswahl wird etwa eine Woche dauern. Dann beginnt das eigentliche Verhör der Erinnerung. Ich bleibe an den Geräten. Wer in diesem Geschäft zuhört, hat nichts zu suchen, heißt es — ich höre trotzdem.
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