VOR DEM VETTING: PALANTIR-DATEN IN HÄNDEN UNGEPRÜFTER ICE-NEULINGE
Drahtkammer. Newark, Liberty International Airport, 23. März 2026 — die Bilder laufen über den Konverter, der Nebel lichtet sich. Auf dem Tisch liegt ein Bericht, den ich für Sie lese, weil andere aus Bequemlichkeit wegschauen würden. Vorab die notwendige Klarheit: Was hier folgt, stammt aus einer einzelnen Originalquelle — den Recherchen von The Intercept vom 3. September 2026. Der gesamte Sachverhalt bedarf dringend einer rigorosen Verifizierung durch eine zweite, unabhängige Quelle, bevor wir das Vertrauen festschreiben können. Aber das Signal, das sie aussendet, ist laut genug, dass ich nicht still sitzen bleiben darf.
Die US-Einwanderungsbehörde ICE hat mitten in der Winteroffensive eine KI-gestützte App an die Telefone ihrer Abschiebungsoffiziere ausgegeben: ELITE, Enhanced Lead Identification and Targeting. Gebaut von Palantir, der CIA-nahen Datenfirma, die vom prädiktiven Polizieren bis zum Kriegführen liefert. Das Werkzeug zieht Daten aus Behörden und anderen Quellen, baut Dossiers, listet Ziele und kartiert ihre Standorte auf Straßenebene. Was das Ding kann, ist die eine Sache. Wem man es in die Hand drückt, die andere.
Und genau hier setzt das Signal ein, das mir auf den Frequenzen fast untergegangen wäre: ICE hat nach denselben Recherchen Tausende neue Mitarbeiter eingestellt und ihnen Zugang zu ELITE gewährt — bevor ihre Hintergrundprüfungen abgeschlossen waren. „You can access it without full background clearance", sagt ein ICE-Offizier, der selbst durch die Einstellungsoffensive kam. Auf Deutsch: Wer die Akte öffnen darf, hat nicht zwingend die Freigabe. Das ist die berichtete Konsequenz aus Kürzungen im Ausbildungslehrplan und einem Einstellungstempo, das frühere Verwaltungen nicht kannten — über 12 000 Neue, ein Badge, eine Waffe, ein beschleunigtes Verfahren.
Übersetzung für alle, die keine Datenfrequenzen lesen: Wer Zugang zu einer Datenbank bekommt, bevor geprüft ist, ob er ihn verdient, hat ein Werkzeug ohne Aufseher. Palantirs Plattform läuft auf jedem Diensthandy, das jeder neu eingestellte Officer bekommt — laut fünf ICE-Insidern aus unterschiedlichen Regionen des Landes, die The Intercept sprachen. Weder das Heimatschutzministerium noch Palantir haben sich auf Nachfrage geäußert.
Mary Ellen Callahan, ehemalige Stabschefin des stellvertretenden Homeland-Security-Sekretärs, formuliert es ohne Umschweife: „No one should have been hired by DHS before background reviews were completed. This never happened in previous administrations." Die Folge, sagt sie weiter, seien nicht überprüfte Teams mit Zugriff auf sensible Datenbanken wie ELITE — eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit, weil nicht überprüfte Hände sensible Daten anrühren und möglicherweise missbrauchen. Callahan fügt hinzu, dass ELITE nicht den üblichen behördlichen Prozess durchlaufen habe, der Missbrauch verhindern und Datenschutz sichern soll. „Some of these guys should've never been hired, let alone have access to the information on ELITE", sagt ein weiterer Offizier aus dem Pool der Neueinstellungen.
Das Bild aus den fünf Quellen deckt sich. Zur Einordnung ziehe ich externe Belege heran — 404 Media hat über ELITE berichtet und dabei auf interne ICE-Unterlagen, Beschaffungsakten und Aussagen unter Eid verwiesen; weitere Berichte identifizieren ELITE als zentrales Planungswerkzeug für ICE-Razzien. Die Korroboration summt auf mehreren Bändern. Die zentrale Frage aber bleibt offen, und genau hier höre ich genauer hin.
Welche konkreten Sicherheitsprotokolle sind dabei geknackt worden? Wer hat innerhalb der Befehlskette zwischen ICE und Palantir den Zugang freigegeben, bevor die Vetting-Ergebnisse vorlagen? Welche Sperren hat Palantir technisch eingebaut, wenn überhaupt — und warum griffen sie zu spät oder gar nicht? Diese drei Punkte fehlen im derzeitigen Sendebild. Sie sind die Frequenz, die ich als nächstes abhöre.
Die Antworten werden zeigen, ob das System fehlerhaft konzipiert oder unter Zeitdruck geöffnet wurde. Beides wäre ein Versagen. Beides hätte Folgen. Drei Fragen, die jeder, der den Drähten zuhört, zuerst stellt: Wer kontrolliert? Der Kontrakt zwischen DHS und Palantir, der das Training kürzt und gleichzeitig das Werkzeug skaliert. Wer profitiert? Eine Plattform, die ohne den üblichen Regulierungsprozess auf Behördenhandys landet. Wer zahlt den Preis? Menschen mit Aufenthaltsstatus, deren Dossiers durch Hände gehen, die niemand überprüft hat.
Ich bleibe am Draht. Sobald eine zweite Quelle das Signal verstärkt oder die Behörden ihren Kommentar nachliefern, gehen die nächsten Punkte raus. Bis dahin gilt, was jeder Funker im Kopf behält: Eine einzelne Meldung ist noch kein Wetter. Aber wenn sie aus dieser Richtung kommt, hört man genauer hin.
❖ Ende des Artikels ❖
