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Terminal Tribune

4. September 2026

Dossier · Digitales & Überwachung

Dreizehn Monate im Regal — Colorados Aufseher schauten weg

4. September 2026 — — Ada Voss, auf Sendung

DENVER — Im März 2022 erreichten die Gesundheitsbehörden Colorados Berichte, die niemand hören wollte. Patienten kamen mit Leberschäden in die Kliniken. Die Spur führte zu einem Cannabis-Schlafmittel namens „1906 Midnight Drops" — Tropfen auf Zuckerbasis, versetzt mit Kräuterextrakten, schnell zum Verkaufsschlager avanciert, vom Hersteller beworben als „das beste Schlafmittel auf dem Markt".

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Fünfzehn Monate später, im Juni 2023, warnte die Marijuana Enforcement Division des Staates erstmals die Öffentlichkeit. Der Hersteller hatte die Produktion bereits eingestellt — nach weiteren Meldungen über „akute Leberschäden".

Fünfzehn Monate. Eine Frau wie Jenifer Chatting schluckte die Tropfen in dieser Zeit jeden Abend. Chirurgische Assistentin bei einem Oralchirurgen, suchte sie nach einer natürlichen Alternative zu Pharmazie. Die Apotheke empfahl ihr das Produkt. Sie nahm es ab dem Monat, in dem die Gesundheitsbehörde ihre erste Beschwerde erhielt. Im September 2022 bekam sie Crämpfe am ganzen Körper, wurde laktoseintolerant. Sie verband es nicht mit dem Schlafmittel. Sie hatte die behördliche Benachrichtigung nicht gesehen.

Diese Benachrichtigung erschien erst vier Monate nach der ersten Meldung auf der Website der Behörde. Sie trug nicht die Überschrift „Gesundheitswarnung", die Verbraucher vor dem Konsum gewarnt hätte. Sie hieß „informational notification" — eine sachlich klingende Mitteilung, die zwar „nachteilige gesundheitliche Ereignisse" erwähnte, aber ausdrücklich festhielt: keine Verstöße festgestellt. Der Hersteller habe das Produkt reformuliert, hieß es weiter, und keine weiteren Probleme seien aufgetaucht.

Die Behörde hatte ermittelt. Dann entschied sie: Sie habe in diesem Fall nicht die Befugnis, die Tropfen aus den Regalen zu nehmen. Hätte sie tiefer gegraben, wäre sie möglicherweise auf das gestoßen, was die Generalstaatsanwaltschaft später herausfand: Der Hersteller Sima Sciences erhielt selbst Beschwerden über Schäden — kurz nach der Markteinführung des Produkts. Zwei Jahre, bevor die Gesundheitsbehörden überhaupt davon erfuhren.

Die zentrale Frage steht noch immer offen: Was genau in den „Midnight Drops" verursachte die Leberschäden? Eine fehlerhafte Rezeptur? Ein Inhaltsstoff, der nicht auf dem Etikett stand? Eine Verunreinigung im Ausgangsmaterial, die bessere Testverfahren gefunden hätten? Die Antwort auf diese Frage ist der Schlüssel zu allem, was folgt — denn sie zeigt, was hier wirklich versagt hat und an welcher Stelle das System hätte eingreifen müssen.

Was bis jetzt feststeht, ist das Versagen der Aufsicht selbst.

Eine Auswertung von ProPublica zeigt: Colorados Marihuana-Regulierer brauchen im Durchschnitt über sieben Monate, um die Öffentlichkeit zu warnen, nachdem eine Beschwerde eingegangen ist oder eine Untersuchung begonnen wurde. Sieben Monate, in denen ein möglicherweise schädliches Produkt weiter verkauft wird. Hersteller dürfen in dieser Zeit oft weiter verkaufen, selbst wenn der Staat Probleme festgestellt hat — sie können die Befunde einfach anfechten. Mehrfache Chancen also, nicht eine.

Colorado, der erste Staat, der Freizeit-Cannabis legalisierte, fehlen genau die Testverfahren und Kontrollmechanismen, die andere Märkte längst eingeführt haben — Verfahren, die verhindern sollen, dass verunreinigtes Marihuana überhaupt in die Läden gelangt. Im Mai 2025 gestanden die Regulierer ein, dass kontaminierte Produkte im Umlauf waren. Im April 2026 kündigten sie an, gegen Hersteller vorzugehen, die Hanfprodukte als Marihuana deklarieren.

Vier Jahre nach den ersten Leberschäden.

Die Regulierer kannten den Schaden. Sie reagierten nicht. Sie hatten die Information, sie hatten die Werkzeuge, sie hatten die Zeit. Sie entschieden sich, nicht zu handeln — und wenn sie handelten, dann mit Mitteilungen, die wie Entwarnungen klingen.

Diese Redaktion arbeitet derzeit mit einer einzigen Quelle für die weitreichendsten Vorwürfe. Wir lassen sie bis zur Veröffentlichung hundertprozentig verifizieren — jede Aussage, jeden Zeitstempel, jedes Dokument. Denn ein Bericht wie dieser steht und fällt mit dem Beleg. Was hier auf dem Spiel steht, ist nicht nur ein einzelnes Schlafmittel. Es ist das Vertrauen in ein Aufsichtssystem, das vorgibt, Verbraucher zu schützen, und genau dann versagt, wenn es darauf ankommt.

Die Drähte summen. Wer zuhört, kann nicht mehr weghören.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Regulators wussten, dass ein bestimmtes Marihuana-Produkt Menschen schädigte

    „The manufacturer, Sima Sciences, began receiving complaints of harm shortly after it launched 1906 Midnight Drops and two years before health officials ever did.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Das schädliche Marihuana-Produkt war länger als ein Jahr lang in den Regalen erhältlich

    „But it wasn’t until June 2023, nearly 15 months later, that the state’s Marijuana Enforcement Division would warn consumers“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

1 Quelle · 2 davon belegt · 3 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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